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Vieles Komiks oder was? Frankfurter Buchmesse 2025 featuret die faszinierende philippinische Komiks-Kultur

Unser rasender COMICOSKOP-Reporter Hanspeter Reiter berichtet exklusiv von Deutschlands größter Literaturmesse

Die Frankfurter Buchmesse 2025 hatte diesmal nicht vorrangig die japanischen Mangas, sondern mit dem Gastland Philippinen eine besondere Perle im Messe-Gepäck: Gehört der Inselstaat im Westpazifik doch zu den weniger bekannten Comic-Eldorados dieser Welt und zum wichtigsten Comic-Markt Asiens (nach Japan und Hongkong), die es unbedingt zu entdecken gilt. Wer die Werke der philippinischen Großmeister der „Komiks-Kultur“ kennt, allen voran Alex Nino, Nestor Redondo, Alfredo Alcala oder Tony de Zuniga, der weiß, dass das Land der 1.700 Inseln grafische Literatur vom Feinsten vorzuweisen hat. Sind doch die Genannten nur die Spitze des Eisbergs. Allein ein Alex Nino, Altmeister der philippinischen Comic-Kunst, hat ja mit der atemberaubend gezeichneten Saga „Alandal“ ein fulminantes Alterswerk geschaffen, ein spätes opus magnum. Unser rasender COMICOSKOP-Reporter Hanspeter Reiter war, wie jedes Jahr, direkt vor Ort – und zieht in seinem COMICOSKOP-Exklusiv-Messereport auch sonst eine positive Bilanz des größten deutschen Literatur-Mekkas.

2025  konnte die FBM wieder a bissal mehr an Grafischer Literatur bieten: 1. Das Comic Business Center in der Halle 6.1 war gut besetzt, wenn auch großzügig gestaltet, die Vielfalt des Comic-Universums zumindest geografisch abbildend, darunter auch philippinische Comics – dazu gleich mehr.

(Alle Buchmesse-Fotos: (c) HPR)

  

2. in Halle 3.0 jedenfalls die großen und mittelgroßen bundesdeutschen Comic-Verlage wie Panini, Egmont, Carlsen, Avant – dazu verstreut auch in 3.0, darunter  der Mannheimer Dantes Verlag, der inzwischen  als Schwergewicht in Sachen philippinischer Comics auf Deutsch gelten muss...   

 

Schließlich 3. eben das Gastland: Vieles „Komiks“ oder was? Fein, dass mit dieser philippinischen Schreibweise  die Kunst dem Genre seinen Anfangs-Buchstaben verleiht ... 

 

Und zudem gilt nicht umsonst als das erfolgreichste Literaturgenre auf den Philippinen die Graphic Novel. „Der Künstler, Buchhändler und Verleger Paolo Herras erklärt, wie sein Land eine eigene, postkoloniale Erzählform gefunden hat“, so die SZ online vom 12. Oktober 2025. Und das Landsberger Tagblatt legte am 17. Oktober mit eben diesem Zitat in Print nach. Doch gemeint war wohl, dass „fast die Hälfte der aus Anlass der Buchmesse ins Deutsche übersetzten Bücher aus den Philippinen Comics sind“, wie Andreas Platthaus in der FAZ bereits am 03. Oktober 2025 zu berichten wusste. 

Die philippinischen Comics entstanden in den 1930er Jahren mit humorvollen Werken wie dem Comic-Klassiker „Kenkoy“. Später entstanden auch beliebte Genres wie historische Heldengeschichten und Melodramen, die in den 1940er und in der Goldenen Ära der 1950er Jahren dominant wurden. Comics stellen heute einen wichtigen Teil der Literatur auf den Philippinen dar - spielen eine Rolle bei der Identitätsfindung der jüngeren Generation. Das Genre zeigt sich vielfältig: Es umfasst heute auch Graphic Novels und Geschichten, die sich mit der brutalen Kolonial-Geschichte durch die spanischen Eroberer, der Gegenwart und sozial brisanten Themen des Landes auseinandersetzen. Dabei firmiert u.a. Tony Velasquez als „Vater der Tagalog-Comics“ und Pionier der philippinischen Comic-Industrie.

  

Nun also, der diesjährige Messe-Ehrengast der Philippinen – für die Meisten wohl eine Terra Incognita - hat etwas zu bieten, was sich am besten als „3D der etwas anderen Vielfalt“ umschreiben ließe: 1. Räumlich, 2. Zeitlich, 3. Sprachlich. Mit mehr als 100 Millionen Einwohnern unterschiedlich(st)er Kulturen, verteilt auf über 7.500 Inseln, mit kolonialen Schatten – und mit gut 170 Sprachen. All das spiegelt sich zwar nun teil-(und damit quasi zeit-)weise in den dortigen Comics, primär dem Genre Graphic Novel zuzuordnen, dennoch: Grafisch wie erzählerisch haben philippinische Comic-Künstler erstklassige Qualität zu bieten. Nehmen wir nun als 4. Dimension noch Übersetzung dazu, wird´s allerdings eng(er), was „auf Deutsch erschienen“ angeht: Bis dato zentriert sich das meistens auf den rührigen Mannheimer Dantes Verlag, bei Culturbooks ist auch ein Titel erschienen – das war´s schon, sieht man mal von den philippinischen Superstars ab, die in den letzten Dekaden bei US-Verlagen wie Marvel und DC reüssierten, wie die philippinischen Comic-Legenden Alex Nino, Tony de Zuniga, Alfredo Alcala oder Nestor Redondo.

 Zu hoffen ist, dass im Nachklang des Frankfurter Auftritts mehr und breiter passiert, es gibt da noch viel zu entdecken, mithin gilt: schau mer mal...?!

  

Ein paar mehr Stimmen dazu: Übersetzerin „Merlie Alunan bezeichnet das Schreiben als eine "Form des Widerstands". Diese Haltung spiegelt sich in vielen Werken wider, die sich mit Themen wie Kolonialismus, sozialer Ungleichheit, Feminismus, indigener Identität und der Rolle der Sprache auseinandersetzen. Die etwa 170 Sprachen des Landes wurden in der Literatur lange vernachlässigt, da nur Filipino und Englisch als offizielle Amtssprachen gelten. 

"Jede der Sprachen hat ihre eigene Literatur", betont Alunan. Diese sei aber oft nur mündlich überliefert worden und habe bislang kaum Raum in der schriftlichen Kultur gefunden. Doch das ändere sich zunehmend: "Wir fangen an, die Bandbreite der Sprachen wertzuschätzen und sie in gedruckte Form zu bringen, damit sie im ganzen Land gelesen werden können." Kristian Cordero ergänzt, Bücher seien "eine gelebte Erfahrung" und durch das Lesen werde der Geist des Landes lebendig.“ (Börsenblatt) Und „auch jenseits des Ehrengast-Pavillons sind die Philippinen auf der Frankfurter Buchmesse und in der Stadt sichtbar: Im Comics Business Centre (Halle 6.1) zeigt ein eigener Stand die Vielfalt der philippinischen Comic-Szene.“ (Abb.)

 

Auch der Mannheimer Dantes-Verlag als DER deutschsprachige Verlag mit den Philippinen im Fokus war extra vertreten, zwischen weiteren kleineren Comic-Verlagen:

  

 Den Einblick in die internationale Comic-Szene erweiterte u.a. der Gemeinschafts-Stand der nordischer Ländern, Skandinavien gilt ohnehin als Comic-Eldorado des hohen Nordens, Dänemark, Schweden und Norwegen, aber nicht zuletzt auch Finnland natürlich, mir als studiertem Finnougrist wichtig... Tove Janssons „Mumin“-Saga legt davon Zeugnis ab. Und: Nicht ohne Grund verdanken wir (West-)Deutschen den Dänen in Sachen Comic-Kultur viel – siehe die dänischen Verlagsgründungen in Westdeutschland in der Adenauer-Zeit - Ehapa (heute Egmont), Carlsen und der Aller Verlag, die den Westdeutschen in den Wiederaufbau-Jahren anspruchsvolle Comic-Kultur nahezubringen versuchten - siehe Petzi, Tim und Struppi (dank Carlsen Kopenhagen auch bei uns ein Longseller-Erfolg) oder die „Weltbekannten Zeichenserien“ von Jens Pedder Agger.

         

Schon traditionell gab´s auch auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wieder einmal ein Treffen der noch jungen IG Comics: Zwar erst seit wenigen Monaten offiziell gegründet, hatte sie doch längeren Vorlauf. Und wenn es auch für viele aus der Runde eher schwierig ist, auf einer Messe dieser Güte (und damit voller Herausforderungen im „Alltag“) teilzunehmen, ein paar schaffen es doch. So wurde in dieser kleinen Runde dies berichtet und diskutiert: 1. Gemeinschafts-Stand auf der Frankfurter Buchmesse – mal sehen, die größeren Verlage werden ihre eigenen Stände natürlich behalten wollen, 2. Gemeinschafts-Stand in Angoulême (auch wenn Europas Comic-Festival Nummer Eins aktuell in einer tiefen Existenz- und wohl auch Managementfehler-Krise steckt und erst 2027 hoffentlich seine wundersame Wiederauferstehung erleben wird) – gute Aussichten, 3. Aktivitäten der Peergroups, u.a. Leseförderung, im Gespräch inzwischen mit der eigenständigen IG Leseförderung. Danke an die nun allein organisierende Mirjam Wingenbach – wobei: Fein, dass sich Steffi Perck tro... ziehenden Philippinen... Kenner des grafischen Erzählens wissen: Tschechien ist zwar nicht so ein ausgeprägtes Comic-Eldorado wie die Philippinen, hat aber auch einiges zu bieten, siehe  „Alois Nebel“ von Jaromír 99 und Jaroslav Rudiš

 

Auch dies noch: Neu-Erscheinungen vom Mannheimer Dantes Verlag, quasi mit der Frankfurter Buchmesse 2025, die allesamt philippinische Komiks-Kultur feilbieten:

 

  © Dantes-Verlag

 

PS: Einen Einblick mögen diese meine (fürs COMICOSKOP geschriebenen) Rezensionen zu einigen der bereits in den vergangenen Jahren bei Dantes erschienenen Comic-Werke von den Philippinen bieten, hier auszugsweise verkürzt zusammengefasst:

  © alle folgenden Dantes-Verlag

z.B. Depikto: Philippinische  Comic-Kunst vom Feinsten, mit einem intensiv-farbflächigen Auftritt plus besonders Panel-variierendem Layout: Von kleinteilig Passfoto-ähnlich über fast klassisch anmutende Sequenzen hin zu größeren Seiten-anteiligen Panels (gar ganz- und doppelseitigen Illustrationen) mit dickstrichig-hingepinselten, eher zackigen Grenzen. Ein doppeltes, dickes Lob an den Verlag – fürs Bieten einer Bühne der ungewohnten Story plus dem Künstler und seinem ungewöhnlichen Stil: Eine Meta-Position ist eingenommen, des Künstlers Wirken wie Kunst(werke) an sich in einer (autobiografischen?) Geschichte eingewoben...

  

z.B. Josefina: Philippinische Comic-Kunst zum Zweiten: Als klassische SW-Graphic Novel, mit seltenen Farb-Ausnahmen (Cover plus Plakat-„Zitate“, die allerdings auch fast durchgängig nur in Sepia). Ein variables Layout mit Perspektiven-Wechseln, die auch in Panel-Größe und –Struktur ausgedrückt sind - und situativ die Betrachter-Schar hinein zieht in ein Geschehen, das gelegentlich Horror-Charakter annimmt. Ein durchaus happiges Spiel mit Klischees/Stereotypen: Vampir & Rabe dürfen ihre Rollen genauso darstellen wie Hexen-Verbrennung einen Auftritt erhält. Vielerlei interpretatorischer Spielraum entsteht auch dadurch, dass die bildlichen Sequenzen nur phasenweise textlich ergänzt sind, das Visuelle also die Geschichte zu erzählen hat.

  

z.B. das Familiendrama Elmer aus der Feder von : Vermenschlichtes Verhalten von Tieren – und damit verbundenes entmenschlicht-unmenschliches von Menschen stehen hier im Mittelpunkt: Ein Geschehen zwischen Romantik und Massenmord, auf den Punkt gebracht. Das  SW-Album (mit farbigem Cover) lebt von der ausdrucksstark wiedergegebenen Mimik vor allem der Hühner, die durchaus unterschiedliche Charaktere (sehr menschlich) repräsentieren. Zugleich sind Ansichten geboten, die an klassische (Gemälde-)Kunst erinnern: S. 28 etwa findet sich ein entzückendes ganzseitiges Beispiel, Friede & Freiheit mit weitem Blick im Natur-Kontext, zugleich konterkariert in einer (wie sich dann herausstellt) gefilmten Sequenz mit dem Filmstar aus der Hühner-Familie im Mittelpunkt (S. 92ff.)... 

 

 z.B. Trese 1: Eine Art Horror-Comic ist hier geboten: Da gibt es (z.B.) die Tikbalang, Pferde-Wesen (deren andersartige Sprache durch Negativschrift in schwarzer Sprechblase angedeutet ist), deren Youngster in menschlicher Gestalt plus Schein-Auto sich Rennen mit tödlichem Ausgang für die Konkurrenten liefern. Oder (u.a.) Elementargeister der Luft, die Trese rufen kann – und die wie all die anderen bereits von ihrem Vater Prof. Alexander Tresen im Tagebuch beschrieben wurden. Umgesetzt mit vielerlei Übergriffen zwischen Welten-Dimensionen – und ziemlich brutalen Schlacht- und Tötungs-Szenen: Mir scheint, ein Alters-Hinweis „ab 16“ wäre angebracht gewesen... Andererseits bleibt die Wirkung von Horror-Szenarien eine eher gemäßigte, weil anstelle von Farben-Crash alles in einem eher ruhigen SW gehalten ist. Künstlerisch-illustrativ sehr variantenreich, auch in der Panel-Struktur bzw. deren Layout. (Inzwischen sind bereits die Bände 2+3 erschienen.)

 

 

Hanspeter Reiter (HPR) 

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