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Todtraurig zwischen dem Iran und Frankreich: Marjane Satrapi, Schöpferin des Meisterwerks "Persepolis" und Ikone der grünen Revolution, stirbt viel zu früh im Alter von nur 56 Jahren

Ein COMICOSKOP-Nachruf auf eine herausragende Bilderzählerin der politisch-widerständigen grafischen Literatur von COMICOSKOP-Chefredakteur Martin Frenzel

Marjane Satrapi lebt nicht mehr (4. Juni 2026) aus lauter Traurigkeit: Über den Schmerz einer Entwurzelten im Exil

Philosophin Simone Weil: "Die Entwurzelung ist die bei weitem gefährlichste Krankheit unserer Gesellschaft"

R.I.P. Marjane Satrapi (1969-04.06.2026) / Foto: (c) Rowohlt Verlag

Schocknachricht aus Paris: Aus tiefem Kummer über den Tod ihrer großen Liebe, des schwedischen Filmemachers, Schauspielers und Drehbuchautors Matthias Ripa / Opus magnum "Persepolis" erschien zwischen 2000 und 2003 in vier Bänden auf Französisch / Internationaler Publikumserfolg /  In Deutschland  kürte man  »Persepolis« 2004 zum  »Comic des Jahres«  /  2007 verfilmte sie »Persepolis« gemeinsam mit Vincent Paronnaud als Animationsfilm / "Persepolis" löste die Graphic Novel-Welle für Erwachsene aus und geriet zum Meilenstein des grafischen Erzählens: Anspruchsvolle grafische, politisch-widerständige Literatur für Erwachsene / Tenor der Hinterbliebenen: "Marjane Satrapi ist vor Kummer gestorben, gut ein Jahr nach dem Tod von Mattias Ripa, ihres Ehemanns und der Liebe ihres Lebens" / Auch ihre weniger bekannten Werke lohnen die Lektüre:  "Huhn mit Pflaumen", "Sticheleien" und "Der Seufzer" / Sie zeigte, wie facettenreich und vielschichtig die iranische Nischengesellschaft in Wirklichkeit ist: Zwischen islamistischem Ayatollah-Regime hie und der Tatsache dort, dass im Iran - anders als im arabischen Raum - in der Alltagsgesellschaft in Wahrheit die Frauen die Hose an haben / Ein Leben für "Azadi" (dt. für die Freiheit) - Frauen, Leben, Freiheit  / Geboren am 22. November 1969 in Raschd (Iran), Flucht vor dem Khomeini-Regime nach Frankreich 1994 / Gefeierte Comic-Autorin und Filmemacherin / 2004: Erlanger Max-und-Moritz-Preis für die Beste deutschsprachige Comic-Publikation Import, Comic-Salon Erlangen, für Persepolis

Philosophin Simone Weil: "Die Entwurzelung ist die bei weitem gefährlichste Krankheit unserer Gesellschaft"

Von COMICOSKOP-Chefredakteur Martin FRENZEL

Von Simone Weil stammt der schöne Satz: "Die Entwurzelung ist die bei weitem gefährlichste Krankheit unserer Gesellschaft."

Auf keine traf dieser Satz so zu wie auf die iranisch-französische Comic-Künstlerin, Bilderzählerin, Filmemacherin und Illustratorin Marjane Satrapi.

Mit ihrem Meisterwerk "Persepolis" (2001-2003) schuf sie einen Meilenstein des grafischen Erzählens, ein herausragendes Zeugnis widerständig-politischer grafischer Literatur, vor allem aber ein tiefschürfendes Werk darüber, wie facettenreich und vielschichtig ihre Heimat Iran in Wirklichkeit ist: Eine Nischengesellschaft, in der sich das islamistische Ayatollah-Regime hie, die frauen-dominierte Alltagsgesellschaft dort die Waage halten. Von dieser inneren Spannung des Irans ahnt im Westen niemand etwas, Marjane Satrapi wusste es und erzählte darüber in ihren weniger bekannten, dennoch ungemein lesenswerten Werken, wie Sticheleien.

Dass im Iran im Alltag - anders als im arabischen Raum - die Frauen die Hosen an haben, nicht umsonst höchste Akademikerinnen-Quote im Mittleren und Nahen Osten in Persien - davon weiß man in der westlichen Hemisphäre rein gar nichts.  

Satrapi, preisgekrönt für ihre Comic-Werke, in Angoulême ebenso wie im deutschen Erlangen, schrieb mit "Persepolis", ihrem opus magnum, Comic-Geschichte und löste, geradezu nebenbei, die europaweite, ja, weltweite Welle der politisch-anspruchsvollen Graphic Novels für Erwachsene aus. Zugleich gelang ihr mit dieser bis heute einzigartigen Comic-Autobiografie ein Kaleidoskop dessen, was nach 1979 mit dem Islamistischen Staatsstreich Khomeinis, dem Ausboten der linken und demokratischen Anti-Shah-Regime-Kräfte und dem Etablieren eines von Pasdaran, Basidschi und Revolutionsgarden getragenen Staats im Staate geschah. Eine Comic-Erzählung von Rang, zwischen 2000 und 2003 in vier Bänden auf Französisch erschienen, danach ein Welterfolg, auf Deutsch zuerst bei der Züricher Edition Moderne und später beim Rowohlt Verlag. In Persepolis" beschreibt sie ihre Kindheit im Iran, ihre spätere Zeit im Exil  (u.a. Österreich) und ihrer unfreiwilligen Wahlheimat Frankreich. Weltweit ist Persepolis in 25 Sprachen übersetzt und über eine Million Mal verkauft worden. Sie war nicht die einzige iranische Comic-Künstlerin, aber die mit Abstand beste und wirkungsmächtigste.

Sie, geboren 22. November 1969 in Raschd (Iran) geboren und 1994 - gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben - ins Frankreich-Exil geflohen, verwand den Schmerz der Entwurzelung (Simone Weil) nie, versuchte, ihn in ihren Comic-Werken und Filmen zu verarbeiten. 

Die Zeichentrickfilm-Adaption ihres Comic-Meisterwerks "Persepolis" gelang (was nicht oft der Fall ist) virtuos: Dieser Animationsfilm gehört zu den besten des Genres überhaupt (2007). 

Den Tod ihrer großen Liebe, ihres Ehemanns Matthias Ripa vor einem Jahr verwand sie nie: Er, der schwedische Filmemacher, Schauspieler und Drehbuchautor, war die Stütze ihres Lebens.

  Tenor der Hinterbliebenen: "Marjane Satrapi ist vor Kummer gestorben, gut ein Jahr nach dem Tod von Mattias Ripa, ihres Ehemanns und der Liebe ihres Lebens."

Zuletzt machte sie als Herausgeberin des Sammelbands "Frauen, Leben, Freiheit" (Rowohlt Verlag, 2023) von sich Leben - und ihrem klaren, öffentlichen Statement wider die Massenmorde und Folter-Verbrechen des Teheraner Regimes, insbesondere den Kopftuch-Mord an Jina Mahsa Amini, die 2022 an den Folgen der Folter in der Haft starb, alles nur, weil man von Seiten des Terrorregimes vorwarf, kein Kopftuch getragen zu haben.

Marjane Satrapi lebte selber ein Leben für "Azadi" (dt. für die Freiheit) - Frauen, Leben, Freiheit.

Sie lehnte folgerichtig den höchsten Verdienstorden Frankreichs, der Ehrenlegion, aus Protest gegen „die scheinheilige Haltung Frankreichs dem Iran gegenüber“ ab.

2005 hatte man ihr die hohe Ehre erwiesen, Chevalier des französischen Ordre des Arts et des Lettres zu werden, 2008 folgte die Oscar-Nominierung als Bester Animationsfilm für Persepolis und 2016 die Benennung eines Asteroiden nach ihr (308197) Satrapi.

 2004 erhielt sie den Erlanger Max-und-Moritz-Preis für die Beste deutschsprachige Comic-Publikation Import, Comic-Salon Erlangen, für Persepolis. Nun sollte man ihr, spätestens 2028 posthum den Max-und-Moritz-Preis für ein herausragendes Lebenswerk verleihen. Eine Auszeichnung, die sie längst hätte bekommen sollen. 

Ganz Europa trauert um eine große Bilderzählerin: Marjane Satrapi starb aus lauter Traurigkeit in ihrem Pariser Exil am 4. Juni 2026 im Alter von nur 56 Jahren. Den Schmerz der Entwurzelten im Exil hat sie bis zu ihrem viel zu frühen Lebensende nie verwunden, ganz im Sinne Walter Ludins: „Nirgends leuchtet die Heimat so hell wie im Exil.“

Bleiben wird ihr Oeuvre, Persepolis, ihr frühes opus magnum, längst ein Klassiker im Kanon der besten Comic-Werke, aber auch ihre Einzelwerke, die nicht minder zu lesen lohnen und die es nun zu entdecken gilt. Marjane Satrapis allzu früher Tod ist eine großer Verlust für die weltweite, europäische und iranische Comic-Szene. Mit ihr geht eine herausragende Vertreterin und Vorreiterin der politisch-widerständigen grafischen Erzählung.

 

Martin Frenzel

(derzeit auf dem Erlanger Comic-Salon, Juni 2026)

 

 

 

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