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Comicoskop-Rubrik: US-Comic History

Großes COMICOSKOP-Dossier: 80 Jahre PRINZ EISENHERZ / PRINCE VALIANT 1937 - 2017

Prinz Eisenherz bleibt unsterblich: Hal Fosters Ritterheld, weiter ohne Fehl und Tadel, wird 80

Der Kanadier, der einen Klassiker der Comic-Kunst  schuf

Zum 80. Geburtstag des Wikinger-Comicprinzen „Prinz Eisenherz“ / Facettenreiche Ritter-Abenteuer-Zeitungscomic-Saga: Der Pagenschnitt passt noch immer / Altmeister und Autodidakt  Hal Foster bis heute einer der besten Comic-Erzähler der Gattung und des Mediums Zeitungscomic / Comic-Vorbilder „Prince Errant“ und „Oaky Doaks“?

Eine Hommage von COMICOSKOP-Redakteur und US-Comic-Kenner Klaus Albeck

Eins der wichtigen Comic-Jubiläen in diesem Jahr 2017, gilt einem Klassiker der Comic-Geschichte insgesamt und des US-amerikanischen Zeitungscomics: Es ist 2017 genau 80 Jahre her, dass Hal Fosters legendärer Ritter- und Abenteuercomic „Prince Valiant“ alias „Prinz Eisenherz“ erstmals im New York Journal erschien – acht Jahre nach seinem Tarzan-Comicdebüt. Mit diesem opus magnum "Prince Valiant" begründete Foster seinen Ruf als – neben Alex Raymond und Milton Caniff – einer der drei besten Zeichner und Autoren des Abenteuer-Genres im Zeitungscomic aller Zeiten.

Prinz Eisenherz-Schöpfer Hal Foster / Skizze der ersten 1937er Prince Valiant-Seiten des Februars 1937...  - (c) King Features Syndicate / Vertrieb Bulls Pressedienst

Die Premieren-Seite  des Wikingerprinzen: Vor 80 Jahren, am 13. Februar 1937, debbütierte "Prince Valiant" ("in the Days of King Arthur") im New York Journal - (c) King Features Syndicate / Vertrieb: Bulls Pressedienst

Fosters Rittersaga begann am 13. Februar des Jahres 1937: Mit dem jungen Ritter von Thule, der auszog, um Ritter der Tafelrunde am Hofe des sagenumwobenen König Artus, auf Camelot, zu werden. Schon seit etwa 1934 hegte Foster die Idee, konnte damit aber erst drei Jahre später bei King Features Syndicate landen.

 Diese acht Jahrzehnte haben diesem Jahrhundertcomic nichts anhaben können: Der Pagenschnitt des Prinzen passt noch immer. Prinz Eisenherz ist, auch 80 Jahre nach der US-Premiere, noch immer ohne Fehl und Tadel, noch immer zeitlos, ein echter Klassiker, in dessen Bann auch noch künftige Generationen selbst des digitalen Zeitalters gezogen werden dürften. Denn eins konnte dieser Hal Foster wie kein Zweiter: Geschichte in empathischen Bilder-Geschichten erzählen. Daran haben auch die US-Superheldencomics nichts ändern können, die ein Jahr nach der Eisenherz-Premiere 1938 mit Superman auf den Plan traten….  Eigentlich total verrückt: Genau ein Jahr vor Beginn des neuen Superhelden-Comic-Zeitalters erfindet einer -  nach der Maxime Zurück in die Zukunft - einen scheinbar rückswärtsgewandten Ritter-Comic...

Doch Eisenherz war immer mehr: Eben kein reiner Vergangenheits- und Geschichtscomic, immer auch gegenwarts- und zukunftsbezogen. Auch verstand es Foster, diverse Genres miteinander virtuos zu verweben: Romantik, Abenteuer, Kabalen und Machtkämpfe, Kriege, Familien-Alltag, Reisen, Philosophisches und Geschichtliches, Alchemisten, Magie, Singendes Schwert und Excalibur... Freilich: Gut, dass es auch manchmal gute Redakteure gibt, die einen Riecher haben, für das, was geht und was nicht geht. Gut also, dass es den King Features Syndicate-Manager Joseph Connelly gab, der Foster in die Parade fuhr, als um den Titel der Serie ging. Hätte Connelly dies nicht getan, wäre nicht Prince Valiant der Titel gewesen, sondern Derek the Thane. (Auch Fosters Zweit-Titelwunsch taugte nichts, der wäre Prince Arn gewesen…).

Jeder weiß es aus eigener Erfahrung: Wenn man beim Chef Prokura hat, geht nahezu alles leichter. So war es auch für Foster, der sich anschickte, seinen Prinz Eisenherz zur Welt zu bringen – Verleger-Legende William Randolph Hearst hatte ihn nicht nur zu einer eigenen Zeitungscomic-Serie ausdrücklich ermuntert. Nein, er zeigte sich tief beeindruckt von den ersten Prinz Eisenherz-Seiten. So sehr, dass er Hal Foster die Urheberrechte an seiner eigenen Serie überließ.

 

„I was a little bit tired of Tarzan because I had no control over the hero..So I was playing with the idea of getting my own story” - so umschrieb Hal Foster Jahre später, was ihm Ansporn für Prinz Eisenherz gewesen war.

 Und weiter: “Comic Strips like Buck Rogers and Flash Gordon were going into the future. I wanted to go in the other direction, backwards, to find a place to hang a story that was sort of fantasy and fairy tale.”

 Foster schuf – wie Ron Goulart richtig feststellt, einen nie enden wollenden Abenteuerroman voller Ingredenzien wie Kabale und Liebe, Fantasy, Kriege und Schlachten, schöne Frauen – und nahm damit das, spätere Sword and Socery-Genre vorweg.

Die erste ganzseitige Prinz Eisenherz-Version war der sechzehnte Strip, der zuallererst in der Sunday New Orleans Times Picayune erschien.

 Grafisch sind Fosters detailgetreue, historisierenden, aufwendig recherchierte Kulissen, seine eleganten Figuren-Porträts nach wie vor ein Hochgenuss – nicht umsonst gilt der kanadisch-US-amerikanische Comic-Künstler als einer der bedeutendsten Vertreter der Comic-Geschichte überhaupt.

 Foster arbeitete an jeder Seite über 50 Stunden mit der ihm eigenen Akribie. Jedes einzelne Seite geriet so zum Kunstwerk par excellence. Dass Foster von Anfang an mit Prinz Eisenherz im Universum des Presse-Zaren William Randolph Hearst ein UNIKUM darstellte, belegt auch folgende Tatsache: Der Zeitungscomic Eisenherz bewegte sich von Beginn an nicht in den Niederungen der schwarzweißen Daily Strips, sondern der privilegierten vierfarbigen Sonntagsseite im wöchentlichen Sonntagsseite. Das verschaffte Foster einen enormen künstlerischen Freiraum, den er zu nutzen verstand.

Auch erzählerisch ist dieser episch angelegte Entwicklungsroman der besonderen Art, der anknüpft an die Tradition der Artusromane, bis heute ein Faszinosum: Wir, die Leserinnen und Leser, erleben, wie Prince Valiant, wie Eisenherz im englischen Original heißt, vom Jüngling zum erwachsenen Familienvater heranreift, von der großen Liebe Aleta bis zur Geburt seiner Kinder, Prinz Arn voran. Später kommen vier weitere Kinder hinzu: Karen, Valeta, Galan und Nathan…

 Dass Foster es virtuos verstand, Mittelalter- und Antike, Fantasy- , Ritter- und Abenteuergenre zu vermischen, macht den besonderen magischen Realismus des Autors aus. Was im Norwegen des 5. Jahrhunderts noch mit schilffgesäumten Sumpflandschaften und Drachenungeheuern im Königreich Thule beginnt, wird über die Jahre immer kosmopolitischer…

Dabei machte sich Foster den Mythos der Artus-Sage zunutze: Es geht kreuz und quer, mal zu den Sachsen, dann zu den Hunnen, mal begegnet unser Held Seeräubern und Seeungeheuern, Hexen, Modred und Merlin… Mal ist er in Afrika, mal in Rom, dann wieder sucht er den heiligen Gral. Gawain, Lancelot und all die anderen Ritter der Tafelrunde, aber auch die Ägäis mit Aletas Heimat, den Nebelinseln, spielen ebenso eine Rolle wie Eisenherz‘ Amerika-Reise zu den Indianern und eine Brise Byzanz…

Foster kompilierte Geschichtliches, was das Zeug hielt, frei nach der Devise: Gut, dass es unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs, im sogenannten Frühmittelalter, fast keine Überlieferungen gibt, da habe er drei Jahrhunderte freie Hand…

Es war ein genialer Schachzug: Foster sprang nach Gusto durch die frühmittelalterliche Weltgeschichte – dem großen Abenteuer und der Macht der Phantasie zuliebe.

 Auch hatte Foster eine durchaus humorvolle Begründung dafür, dass er König Artus so unrealistisch prunkvoll erscheinen ließ: “I cannot draw King Arthur with a black beard, dressed in bearskins and a few odds and ends of armor that the Romans left when they went out of Britain, because that is not the image people have.”

Eine weitere, charakteristische Eigenheit der Serie: Bis heute enthält Prinz Eisenherz keine Sprechblasen, die Dialoge spielen sic hunter den Zeichnungen ab…

Als Foster mit Eisenherz begann, war er 44 Jahre alt und dank seines Tarzan-Comics schon eine Berühmtheit. Als er 34 Jahre später, 1971, das Staffelholz an den eher stereotypen Zeichner John Cullen Murphy übergab, war der Meister 78.

Man kann also sagen: Prinz Eisenherz war nicht nur ein Meister-, sondern auch ein Alters- und Spätwerk Fosters.

Dabei mag geholfen haben, dass Foster in seiner kanadischen Jugendzeit selbst ein regelrechtes Abenteuerleben geführt hatte:

 Harold Rudolf Foster, am 16. August 1892 in Halifax auf Kanadas Halbinsel Neuschottland zur Welt gekommen, hatte englische, irische, aber auch – wer hätte das gedacht – preußische Vorfahren.

Virgininia Itwin schreibt 1949 über Foster: „Das Leben Fosters war fast so abenteuerlich wie das von Prinz Eisenherz. Er war Goldsucher, Führer in den Wäldern des Nordens, Fallensteller in Kanada und auch Boxer.“

 So segelte er als Junge, gerade mal zehn Jahre alt, auf einem kleinen Boot in den Küstengewässern von Halifax. Er lernte Boxen, weil er als Außenseiter unter seinen Altersgenossen oft zuvor den Kürzeren zog. Er jobbte als Zeitungsjunge, Redaktionsbote und Stenograph.

 Mit 14 verließ er die Schule, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen, die sich durch den frühen Tod seines Vaters 1896 in Bedrängnis befand. 1906 verdingte sich Foster als Fallensteller und Trapper in den Wäldern Kanadas.

 1910 erhielt Hal Foster seinen ersten Illustrationsauftrag als Reklamezeichner eines kanadischen Versandhauses.

 1911 zog seine Familie 2500 Kilometer nach Westen, nach Winnipeg in der kanadischen Provinzhauptstadt von Manitoba. In den folgenden Jahren (1911 bis 1921) unternahm Foster abenteuerliche Kanu-Fahrten quer durch Manitoba und Ontario – gerne auf Flüssen, die sich damals noch auf keiner Karte fanden.

Später – inzwischen verheiratet mit seiner großen Liebe Hellen, einer der US-Amerikanerin, und Vater zweier Kinder – war Foster als Jagdführer in entlegenen Gebiete Ontarios und Manitobas aktiv. Im Zuge dessen musste er 1917 – während im alten Europa das Inferno des Ersten Weltkriegs tobte und die USA in den Krieg eintraten – den Rice-Lake-District auskundschaften. Im gleichen Jahr entdeckte Foster ein Goldmine: Aber die so gewonnene Million Dollar, war binnen dreier Jahre wieder perdu, weil man ihn offenkundig betrog.

 1921 fuhr Foster mit dem Fahrrad sage und schreibe 1500 Kilometer von Winnipeg nach Chicago, um dort am Kunstinstitut (Art Institute of Chicago) und den Kunstakademien (American Academy, Chicago Academy of Fine Arts) die Kunst des Zeichnens zu verfeinern. Außerdem arbeitete der Autodidakt vor allem für Werbeagenturen als Werbegrafiker.

Zu Fosters ausgeprägter Naturverbundenheit passt auch die Anekdote, dass der passionierte Jäger Hal Foster in seinem neuen Landsitz in Redding, Connecticut sein Gewehr bewusst direkt neben den Zeichentisch stellte, „und manchmal auf Fasanen aus seinem Studiofenster schoss, ohne überhaupt von seinem Sessel aufzustehen“ (zitiert nach Arn Saba 1985).

2013 erreichte der Dauerbrenner Prinz Eisenherz die Schallmauer von 4.000 Seiten. Diese beeindruckende Menge ändert aber nichts daran, dass keiner der Hal Foster-Nachfolger diesem das Wasser zu reichen vermag: Weder John Cullen Murphy (1980/82-2004) noch Gary Gianni (2004-2012), auch kein Thomas Yeates (seit 2012) verstanden es, die Comic-Kunst des Ahnvaters zu übertreffen. Dabei hätte es wohl mit Wallace Wally Wood einen würdigen Ziehsohn gegeben, der grafisch das Niveau Fosters einigermaßen hätte halten können. Auch ein Russ Manning, der gar nicht zum Zuge kam, wäre wohl zeichnerisch die bessere Wahl gewesen. Wieso klappt, was bei Hugo Pratts Corto Maltese in Gestalt von Ruben Pellejero wunderbar geklappt hat, nur bei Prinz Eisenherz nicht?

Bis 1979 schrieb Foster für Cullen Murphy weiter den Text seines Lebenswerks, machte Vorschlagsskizzen.

IMMER NOCH AKTUELL: Hommage des Hal Foster-Nach-Nachfolgers Gary Gianni zum 79. Jahrestag / (c) King Features Syndicate / Vertrieb: Bulls Pressedienst

Kein Wunder, dass Hal Foser als meistpreisgekrönter Zeitungscomic-Künstler der Welt gilt:

 1952 erhielt Foster die „Silver Lafy“ der Banshees, 1957 erstmals den Reuben Award der National Cartoonist Society der USA („outsranding cartoonist of the year“). 1964 ehrte dieselbe Nationalist Cartoon Society den Comic Strip Prinz Eisenherz „als besten Story Strip“. 1966 und 1967 folgte Spezial-Preise beim Reuben Award für die Serie Prince Valiant.

 1965 kürte die Royal Society of Arts in Großbritanien Foster zum Ehrenmitglied – damit gehört Foster zu den wenigen US-Künstlern, denen diese hohe Ehre zuteil wurde.

 Es folgte, kurz vor Fosters Tod, 1978 der nach dem ersten Popeye-Schöpfer benannte  Elzie Segar Award. Auch heimste Hal Foster 1977  den Gold Key Award ein.  Posthum nahm ihn sodann1996  in die "Hall of Fame" des Will Eisner Awards auf.  Desgleichen in die Hall of Fame der Joe Shuster Canadian Comic Book Creators Hall of Fame im Jahre 2005. 2006 nahm man ihn zudem in die Hall of Fame der Society of Illustrators auf.Hal Foster starb am 25. Juli 1982, vor 35 Jahren, in Spring Hill, Florida, seiner US-amerikanischen Wahlheimat.

Ein Kanadier im Herzen blieb er immer.

Was wäre der Wikingerprinz ohne seine Aleta / (c) King Features Syndicate / Vertrieb: Bulls Pressedienst

 Der Prinz Eisenherz-Kenner und Foster-Biograf Brian M. Kane hat Hal Foster zu Recht einmal den „Prinzen unter den Illustratoren“ genannt.

 Und die US-Comic-Koryphäe Coulton Waugh schrieb schon 1947 über Foster: "Foster posseses also the true illustrator’s passion for periods and authentic detail. He is remarkable figure among comic artists and his place in strip history is unique.”

 Foster beeinflusste zahlreiche Generationen von Zeichnern – allen voran Alex Raymond, Burne Hogarth, Clarence Gray, aber auch Bob Lubbers oder Al Williamson…

 Arn Saba konstatiert: „Es existiert eine Faszination für Könige und Adelige, aber es gibt auch deutlich demokratische Tendenzen in Fosters Schilderungen von König Arthurs Reich als einem Land von Frieden und Freiheit. Fosters Vision vom Mittelalter ist eine Mischung aus osessiver Authentizität und selektiver Idealisierung.“

Maurice Horn urteilte: "Prince Valiant is clearly in the tradition of the novels of chivalry, and only unthinking critics can talk of Foster's historical authenticity and accuacy: his is the Europe of legend and folklore and not the Europe of historians. (...) Prince Valiant is awesome as wolrk of illustration and fiction, but lacks rhythm and pacing, and thus fails to be a trailblazer of the same magnitude as Foster's earlier Tarzan."

R.C. Harvey adelte Foster im US-Fachmagazin The Comics Journal wie folgt: Er, Foster, habe neben Alex Raymond und Milton Caniff,  "created the visual standard by which all such comic strips would henceforth be measured."

Foster selbst sagte einmal (zitiert nach Prinz Eisenherz Ein Handbuch für Kenner und Liebhaber Bocola Verlag): „Ich glaube, viele Leute haben dem Familienhumor in Prince Valiant wenig Beachtung geschenkt. Sie lasen es und vergaßen es zu Gunsten der Gewalt.“ 

Sämtliche Abbildungen dieser Seite (soweit nicht anders angegeben): World-Copyright bei (c) King Features Syndicate / Bulls Pressedienst

Prince Errant  und Oaky Doaks: Gab es Comic-Vorbilder für Prinz Eisenherz?

Fullers Funny-Rittercomic "Oaky Doaks": Zwei Jahre vor Eisenherz erschienen, mit einem schwarzhaarigen Pagenschnitt-Helden im Mittelpunkt / (c) Alle Abbildungen: AP Newsfeatures and its prospective owners

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten: Fakt ist, dass der US-Comic-Zeichner Ralph Briggs Fuller (1890-1963) zwei Jahre vor Eisenherz, im Oktober 1935, eine humoristisch-satirische Rittercomic-Serie im Semifunny-Stil startete – unter dem Titel „Oaky Doaks“. Fakt ist auch, dass „Oaky Doaks' einen Helden vorzuweisen hatte, der – Achtung! – eine schwarze Pagenschnitt-Frisur (!) besaß. Gewiss, die Serie Oaky Doaks bregte sich im Feld der Satire und des Humors, Held Okay stand ein Schelm namens Cedric zur Seite, der König heißt hier Corny und nicht Artus, das Pferd Nellie… eine köstliche, heute noch empfehlenswerte Ritterserie voller Klamauk…

 Man kann Foster zugutehalten, dass sein Comic zum einen langen Vorlauf hatte, zum zweiten in der realistischen Sparte spielte. Dennoch ist diese „zufällige“ Ähnlichkeit frappierend…

 Das Motto der Serie ”Oaky Doaks”, die im Auftrag von Associated Press entstand war im Übrigen: „Onay Aday without a Oodgay Eday."

Frappierende Ähnlichkeit: Fullers Ritter-Funnycomic "Oaky Doaks"... (c) AP Newsfeatures

Greenings "Prince Errant": Frühe Comic-Perle von 1912-14 - ein fahrender Ritter erlebt zahlreiche unglaubliche Abenteuer... / (c) Harry Cornell Greening / Illustrated Daily News

Noch eine mögliche Inspirationsquelle: Der heute vergessene Anarcho-Comic-Humorist Harry Cornell Greening (1878-1930) schuf 1912-14 die wunderbare, grafisch und erzählerisch kunstvolle und poetische US-Zeitungscomic-Ritter-Serie “Prince Errant”, die wie Maurice Horns World Encyclopedia of Comics betont, in der gleichen Liga spielte wie Winsor McCays Little Nemo in Slumberland und Lyonel Feiningers Comic-Arbeiten und deswegen nicht vergessen werden sollte. Der Titel der Serie war eine Anspielung auf den englischen Begriff "Knight-errant" - den Topos des fahrenden Ritters. Sie erschien in der in Los Angeles erscheinenden Illustrierten „Daily News“.

Brian M. Kane stellt fest, Foster habe immer wieder zu Lebzeiten betont, Greenings „Prince Errant“ nicht vor Erscheinen von „Prince Valiant“ zu Gesicht bekommen zu haben. Das fällt ein wenig schwer zu glauben… Dies zuzugeben, da wäre Hal Foster wahrlich kein Zacken aus der Krone gebrochen...

(c) Harry Cornell Grreening / Illustrated Daily News and its prospective owners

Gibt es eine gelungene Prinz Eisenherz-Parodie?

Ja, geschaffen hat sie der großartige Wallace Wally Wood (1927 – 1981), der paradoxerweise zu Fosters engere Kandidaten-Kreis für die eigene Nachfolge gehörte. Wood schuf bereits im Juli 1954 für Harvey Kurtzmans Satireblatt MAD eine rundum gelungene, treffsichere, auch grafisch sehr gekonnte Prinz Eisenherz-Persiflage. Erschienen ist diese Comic-Parodie, die Fosters Serie gehörig durch den Kakao zieht, in der MAD-US-Ausgabe Nr.13/1954 unter dem Titel „Prince Violent“ (passendes Wortspiel zum Originaltitel Valiant: wörtlich auf dt. Prinz Gewalt). Wann kommt Wally Woods „Prinz Eisenhart“ endlich auf Deutsch?

(c) Wally Wood / MAD

Ohne die DDR: Der Prinz in NS- und Westdeutschland

Vom blonden „Prinz Waldemar“ über Pollischanskys Magenta-Eisenherz zur dänische Vorlage (Interpresse/Carlsen)

Prinz Eisenherz in deutschen Landen ist ein besonderes Kapitel voller Brüche: Während der NS-Zeit brachte die Kinder-Zeitschrift Der Papagei 1939 eine verhunzte Prince Valiant-Version unter dem wohl besser ins Herrenmenschen-Weltbild passenden Titel „Prinz Waldemar“ heraus. Der Titel Waldemar ist insofern paradox und widersinnig, als der legendäre dänische König Valdemar Atterdag (1321-1375) der ärgste Feind der deutschen Hansestädte war... Jedenfalls modelten die Macher das Original derart um, dass es besser in die NS-Ideologie  passte. Die derart verunstaltete Serie erschien dort im Mai 1939 (Ausgaben Nr. 9 bis 22 / 1939) stets auf der letzten Seite des "Papageis" - wenige Monate vor dem deutschen Überfall auf Polen und Beginn des deutschen Angriffs- und Vernichtungskriegs gen Osten. Mehr noch: Man degradierte Eisenherz in der NS-Fassung zur Nebenfigur, erhob einen blonden, „arisch“ anmutenden Sidekick zum Helden der Handlung. Siegfried und die Nibelungensage lassen grüßen.

 Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es zunächst der Badische Verlag und der dänische, auf dem westdeutschen Nachkriegs-Comicmarkt agierende Carl Aller Verlag, die sich an Prinz Eisenherz-Ausgaben versuchten. 

Oben: Auch das vom Springer-eigenen Koralle Verlag auf den Markt gebrachte Magazin "ZACK" publizierte den Prinzen / (c) Zack Koralle Verlag  - Unten: Prinz Eisenherz kämpfte auch für Rolf Kaukas "Primo" in den 1970ern / (c) Kauka Media

Neben Magazin-Veröffentlichungen im Zack des Springer-eigenen Koralle Verlags und Kaukas Primo waren es dann im Wesentlichen drei Akteure, die Prinz Eisenherz in den 1970er Jahren zu einer Renaissance verhalfen: Melzer in Darmstadt, S. Fischer mit Taschenbuch-Miniausgaben in Frankfurt am Main, vor allem aber von 1970 bis 1986 Pollischansky aus Wien. Fünfzig Poliischansky-Ausgaben prägten die österreichische Prinz Eisenherz-Variante nachhaltig.

Verhalf Prinz Eisenherz endgültig zum Durchbruch in Westdeutschland: Die österreichische Pollischansky-Ausgabe von Prinz Eisenherz / (c) Pollischansky Verlag resp. King Features Syndicate / Bulls Pressedienst

1987 zog der Hamburger Carlsen Verlag – begünstigt durchs dänische, inzwischen dänisch-schwedische Mutterhaus in Kopenhagen – den dicken Fisch Eisenherz an Land.

Ach ja: In der DDR gab es – soweit bekannt – keine Veröffentlichung der Serie Prinz Eisenherz zwischen 1949 und 1989. Dafür gab es ja auch Ritter Runkel.

Übernahm die dänische Interpresse/Carlsen-Vorlage: Der deutsche Carlsen Verlag edierte Eisenherz erstmals   von 1987 an chronologisch als Komplettedition -  (c) King Features Syndicate & Carlsen Verlag Hamburg

In Dänemark war es dagegen so: Die Serie erscheint bruchlos seit 1938 unter dem Titel „Prins Valiant“. 1974 startete der dänische Interpresse Verlag eine Neu-Gesamtausgabe, bis 1981 erschienen 19 Alben im gängigen Format. 1983 gab die dänische Eisenherz-Version in größerem Format heraus, diese Version fand international Beachtung wegen der für damalige Verhältnisse gelungenen Farbrekonstruktion. Die Interpresse-Version wurde sodann von Carlsen übernommen.

Der dänische Interpresse-Verlag setzte in den 1980ern weltweit Maßstäbe mit seiner neu nachkolorierten Eisenherz-Gesamtausgabe / (c) King Features Syndicate & Interpresse

Bonner Bocola Verlag brilliert: 17  bibliophile Eisenherz-Bände – Hal Foster in Bestform

Herausgeber der mustergültigen Prinz Eisenherz-Gesamtausgabe:  Achim Dressler vom Bonner Bocola-Verlag / Foto: (c) Comicoskop (Axel M. Wolff)

Hat der Bonner Bocola Verlag verdienstvoller Weise eine digital völlig neu bearbeitete 17-bändige Buchausgabe mit den 1788 von Hal Foster getexteten und gezeichneten Seiten in ursprünglicher Kolorierung (Jahrgänge 1937–1971) herausgebracht. Ein Meilenstein in der deutschsprachigen, aber auch internationalen Prinz Eisenherz-Edition.

 Die Bände brillieren durch ihre bibliophile Hardcover-Buchaufmachung, dank digitaler Technik hervorragende Rekonstruktion verblasster Farbseiten und sorgfältige redaktionelle Betreuung.

 Für Prinz Eisenherz- und Hal Foster-Puristen, aber auch für solche, die einfach diese einmalige Serie aller Serien neu oder wiederentdecken wollen, ist die Bocola-Ausgabe von Achim Dressler und seinem Team ein comicliterarisches Muss und so gesehen der ersten gesamtdeutschen Fassung absolut würdig. Fazit: Die 17 Bände Bocola in Sachen Hal Fosters Eisenherz dürfen in keinem Bücherschrank fehlen. Bocola bietet die Prinz Eisenherz-Ballade Hal Fosters in Bestform. Prädikat: Besonders wertvoll!

Hal Foster in Bestform: Dem Bonner Bocola Verlag gelang ein Meilenstein in der brüchigen Verlagsgeschichte des Klassikers Prinz Eisenherz - mit weltweit beachteter neuer digitaler Computer-Farbgebung / Cover: (c) Bocola Verlag resp. King Features Syndicate & Bulls Pressedienst

Seit 2010 publiziert der Bocola Verlag eine weitere Prinz Eisenherz-Reihe, Serie II: Die Nachfolgezeichner. Das Werk von John Cullen Murphy (1971 bis 2004) liegt bereits komplett in 17 Bänden vor. Aktuell bringen die Bonner die Arbeiten Gary Giannis, sodann folgen die Eisenherz-Arbeiten von Thomas Yeates. Noch immer erscheint Woche für Woche eine neue Seite dieses legendären Ritter-Epos – in Europa vertrieben durch Bulls Pressedienst. In absehbarer Zeit möchte Bocola laut eigenen Angaben die weltweit erste vollständige Werkausgabe in Buchform vorlegen. Der Verlag will die  Gesamtreihe um den Wikingerprinzen demzufolge immer wieder mit einem weiteren neuen Band ergänzen.

Auf der Frankfurter Buchmesse bekam der Bocola Verlag 2008 für den vierten Band dieser Reihe den Sondermann-Preis.

COMICOSKOP-Exklusivinterview zum 80. Jahrestag des Comic-Klassikers PRINZ EISENHERZ / PRINCE VALIANT 1937 - 2017

Wolfgang J. Fuchs: „Der Bundesgerichtshof hat Prinz Eisenherz 1955 als sittlich nicht gefährdend bezeichnet“

Er gilt als führender und jahrzehntelanger Prinz Eisenherz-Kenner, kann auf zahlreiche Artikel und Vorträge zum Thema des Wikingerprinzen verweisen, ist feinfühliger, kenntnisreicher Übersetzer der Carlsen- und Bocola-PRINZ EISENHERZ-Version in deutscher Sprache: COMICOSKOP -Herausgeber und -Chefredakteur Martin Frenzel hat sich zum 80. Jahrestag der legendären Hal Foster-Serie mit Wolfgang J. Fuchs (Jahrgang 1945)  unterhalten  - einem Mann, der inzwischen selbst als eine Legende der bundesdeutschen Comic-Publizistik und -forschung gilt.

Ein Exklusiv-Interview von COMICOSKOP-Chefredakteur Martin Frenzel mit dem bekannten Prinz Eisenherz-Kenner und -Übersetzer

Kennt den Kämpen Eisenherz wie seine karierte Westentasche: Prinz Eisenherz-Kenner und -Übersetzer Wolfgang J. Fuchs / Foto: privat

COMICOSKOP: Lieber Wolfgang, wenn Du jemandem erklären solltest, was das Faszinierende an Prinz Eisenherz/Prince Valiant ist, was wäre das dann?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Nun, dass er sich 80 Jahre lang wacker gehalten hat, dass die Figuren Charakter, Moral und Humor haben, und dass die Zeichnungen zeitlos eindrucksvoll sind… 

COMICOSKOP: Ganz d’accord, umso mehr stellt sich die Frage: Wann war Deine erste Begegnung als Leser mit Hal Fosters Ritterhelden Prinz Eisenherz, dem Wikingerprinzen aus Thule?

 

WOLFGANG J.FUCHS: Das wird in den 1950er Jahren gewesen sein: Möglicherweise im „Bunten Allerlei“ und den Prinz Eisenherz-Heften des Aller Verlags, parallel dazu vermutlich auch mit den Buchfassungen mit dem erweiterten Text von Max Trell, mit den Alben und gelegentlich in der ansonsten eher unattraktiven Wochenzeitung...

 

COMIOSKOP: Wie erklärst Du Dir den Erfolg der Saga vom Singenden Schwert, Prince Valiant/Prinz Eisenherz, in den USA, weltweit, international gesehen…? Der Zeitungscomic-Klassiker läuft ja aktuell, wenn ich es richtig weiß, in circa 300 US-Zeitungen…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Die Frage der Verbreitung kann dir besser als ich King Features beantworten. Der Erfolg rührt sicher daher, dass die Handlung solide gebaut ist, dass die Figuren „leben“, und dass Foster nicht nur gut zeichnen, sondern auch gut erzählen konnte, mit der nötigen Mischung aus Abenteuer, Humor und Ironie...

COMICOSKOP: Gut, aber das erklärt noch nicht, warum ein amerikanischer Zeitungscomic zum Welterfolg gerät…ein Phänomen ist doch auch der große Erfolg der Serie in Deutschland: Hast Du dafür eine Erklärung…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Wer weiß, vielleicht weil Ritter Teil unserer Geschichte sind und man so einen Zugang zu dieser Abenteuerwelt hat. Das sieht man ja auch am Erfolg von Hansrudi Wäschers alten Lehning-Serien Sigurd und Falk…

Gilt als gelungene Kinoverfilmung: Henry Hathaways Film-Klassiker Prinz Eisenherz von 1954 mit Robert Wagner (rechts) in der Titelrolle / Bild: (c) 20th Century Fox / Verleih

COMICOSKOP: Welche Rolle spielte Henry Hathaways Kinoverfilmung Prinz Eisenherz von 1954 mit Robert Wagner, Janet Leigh und James Mason in den Hauptrollen…? Hat die gelungene Filmadaption geholfen, Eisenherz bei einem breiten Publikum populär zu machen?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Der Film trug sicher dazu bei, die Eisenherz-Comics noch populärer zu machen (das hat man ja bei den Eisenherz-Heften mit Foto-Titelbildern auszunutzen versucht). Der Film entfernt sich zwar vom Vorbild, aber er lässt im Umkehrschluss die Comics noch lebendiger wirken...

COMICOSKOP: Interessanterweise ist Prinz Eisenherz ja der wohl erfolgreichste Comic ohne Sprechblasen (bis heute!), der je erschienen ist…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Ohne Sprechblasen, aber nicht ohne Dialoge. Das ist noch mal was anderes als „Pantomimenstrips“ wie etwa „Ferd’nand“ von Henning Dahl Mikkelsen, der im gleichen Jahr wie Prince Valiant startete, 1937.

 

COMICOSKOP: Das mit einer Bildgeschichte ohne Sprechblasen war aber nicht Fosters Erfindung, es geht auch durch puren grafischen Dialog: Erst vor wenigen Jahren hat Thierry Groensteen einen 360seitigen Comic-Roman ohne Sprechblasen aufgetan, „Maestro“, aus der Feder Caran d’Aches, aus dem Jahr 1894, in dem trotzdem eine Menge passiert. Caran d’Ache bot das Opus vergebens der Zeitung „Le Figaro“ an… Wolfgang, anderes Thema: Die Edition der Serie war ja in Deutschland ungemein wechselvoll. In der Nazi-Zeit begann es ja mit einer ideologisch einseitigen, den rassistischen Idealen der braunen Machthaber folgenden Verhunzung des Hal Foster-Originals – unterm Titel „Prinz Waldemar“ 1939 im Magazin „Papagei“…da wird Eisenherz ja zur Nebenfigur degradiert, ein blond-germanisch aussehender Nebenbuhler gerät zu „Prinz Waldemar“…

 

WOLFGANG J. FUCHS: …tja, aber das war halt auf Dauer nicht durchzuhalten…

Dänische Comic-Entwicklungshilfe für den westdeutschen Comic-Markt in den 1950er Jahren: Der Kopenhagener Carl Aller Verlag machte nicht nur das "Bunte Allerlei", sondern auch den Wikingerprinzen publik / (c) King Features Syndicate / Bulls / Allerpress

COMICOSKOP: … und auch nach dem Zweiten Weltkrieg ging es nicht minder erratisch weiter: Erst brachte der dänische Aller Verlag die Serie Prinz Eisenherz in den 1950er Jahren nach Westdeutschland, behindert durch das rigide Vorgehen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften… es gab auch eine Eisenherz-Reihe im Badischen Verlag…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Der Badische Verlag aber ziemlich regelmäßig, auch wenn in den Alben Seiten wegfielen und die Farbe durch Grautöne ersetzt wurde. Aus heutiger Sicht also eher eine unattraktive Verpackung eines hochqualitativen Produkts.

 

COMICOSKOP: Inwiefern war Prinz Eisenherz von der Comic-Verfolgung in den 1950er und 1960er Jahren betroffen, die ja einer regelrechten Hexenjagd glich? Gab es Fälle von Zensur gegen die Serie, wenn ja, in welcher Form, kannst Du Beispiele nennen…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Gar nicht. Am 14. Juli 1955 musste sich der Bundesgerichtshof mit der Frage Wert oder Unwert der Comic-Form befassen. Er entschied, vereinfacht gesagt, dass man Comics nicht verbieten müsse. Dabei wurden Micky Maus, Prinz Eisenherz und Manfred Schmidts Nick Knatterton speziell als „sittlich nicht gefährdend“ bezeichnet (Siehe dazu zum Beispiel: Fuchs & Reitberger, Comics-Handbuch, Reinbek 1978, Seite 160).

Grüne Prinz Eisenherz-Bände aus Darmstadt: Die 1970er Edition  des Melzer Verlags... / (c) King Features Syndicate/Bulls/Melzer Verlag

COMICOSKOP: Oha, halten wir also fest: Prinz Eisenherz wird von Staats wegen in der restaurativen Adenauer-Republik für sittlich nicht gefährdend erklärt… hört, hört! Dann sind wir ja restlos beruhigt! Die 1960er sind dann irgendwie ein schwarzes Loch, Eisenherz fällt weitgehend durch den Rost…Erst nach ’68, in den 1970er Jahren, kam es dann, wenn ich es recht sehe, zu einem unverhofften Prinz Eisenherz-Revival in der Bundesrepublik… zunächst dank der Prinz Eisenherz-Ausgaben des Darmstädter Abi Melzer Verlags… In Darmstadt gab es ja meines Wissens sogar eine Prinz Eisenherz-Ausstellung im Hessischen Landesmuseum…?! Was denkst Du im Rückblick über die Melzer-Bände?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Sie waren zwar gut gemeint, aber leider (in puncto Papier und Druck) sehr billig gemacht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen…

 

COMICOSKOP: Dann folgte – das ist die Zeit, in der ich ein wenig mitreden kann, weil ich da selbst anfing, Prinz Eisenherz begeistert für mich zu entdecken - von 1970 bis 1986 die Prinz Eisenherz-Reihe im Wiener Heinz Pollischansky Verlag… wie kam Pollischansky dazu, plötzlich Prinz Eisenherz von Österreich aus zu publizieren, damit den westdeutschen Comic-Kioskmarkt zu erobern… kannst Du darüber etwas sagen…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Mit den Eisenherz-Übersetzungen bei Pollischansky hatte ich nichts zu tun, das waren die Übersetzungen teils vom Badischen Verlag, teils in einer ähnlichen erweiterten Erzählform. Für Pollischansky habe ich im Wesentlichen nur die Vorworte geschrieben, Collagen für die Bücher/Vorworte produziert und für die Goldene Ausgabe Einführungsseiten zusammengestellt, diverse Texte geschrieben und eine Landkarte angefertigt. Die Infobroschüre „Wissenswertes über Prinz Eisenherz“ (gestaltet und geschrieben) nicht zu vergessen. Übersetzt habe ich für Pollischansky nur Cullen Murphys „Big Ben Bolt“, Alex Raymonds „Flash Gordon“ und Fosters Franz Werfel-Comicadaption „Das Lied von Bernadette.“ Meine Vorworte habe ich übrigens immer auf Englisch geschrieben und dann ins Deutsche übersetzt.

COMICOSKOP: Wie kam es denn überhaupt zur Zusammenarbeit zwischen Dir und Pollischansky in Wien?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Also, angefangen hat die Zusammenarbeit mit Pollischansky über einen österreichischen Comic-Fanclub, zu dem auch Pollischansky gehörte, und durch die Tatsache, dass ich 1979 in Wien die erste österreichische Comicausstellung kuratiert habe…

 

COMICOSKOP: Woher bekam Pollischansky sein Material?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Von Bulls Pressedienst respektive King Features. Bei Serien wie Big Ben Bolt beklagte er aber immer, dass King die Andrucke, die Proofs, entsorgt hatte und es oft nur schlechte Mikrofilmkopien der Strips gab...

 

COMICOSKOP: Was lässt sich in der Rückschau über die Pollischansky-Version von Prinz Eisenherz sagen aus Deiner Sicht?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Die großformatigen Ausgaben waren super, auch wenn sie nur schwarzweiß waren. Das Kolorit der Alben war halt zum Teil nur bunt, weil King selbst keine Farbvorlagen lieferte (erst wieder bei den aktuelleren Murphy Comics, wo Pollischansky die Originalfarben verwenden konnte). Dennoch war das alles mit sehr viel Herzblut gemacht.

 

COMICOSKOP: Pollischanskys Prinz Eisenherz erfuhr ja – trotz aller Verdienste und des wohltuend langen Atems! – u.a. wegen der Farben Kritik unter Puristen…. Wie denkst Du darüber?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Farbige Comics sind nun einmal beliebter. Da Pollischansky aber für die Foster-Seiten keine geeigneten Farbvorlagen hatte, ließ er die Seiten eben selbst kolorieren. Dass das nicht immer gelungen war, muss ich ja wohl nicht erklären…

Prinz Eisenherz im Taschenbuchformat: Die S.Fischer-Ausgaben der 1970er... ( (c) King Features Syndicate / Bulls / S.Fischer Verlag

COMICOSKOP: Es gab dann ja noch eine Taschenbuchversion… bei S. Fischer 1975/76 in Schwarzweiß, Prinz Eisenherz en miniature sozusagen, die ich damals ebenfalls las… und auch eine kurze Weile beim Koralle Verlag in Zack und in Rolf Kaukas „Primo“… einmal sogar bei Condor und auch in Der Sprechblase…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Richtig. Der Eisenherz in Norbert Hethkes Sammler-Magazin „Die Sprechblase“ war ein Vorabdruck, bei dem sich Hethke und Carlsen die Kosten meiner Übersetzung teilten. Es dauerte eine geraume Weile, bis Carlsen selbst wieder die Zügel in die Hand nahm.

 

COMICOSKOP: Wir machen einen Sprung in die späten 1980er: Wie kam es dann zur Carlsen-Ausgabe von Prinz Eisenherz von 1987 an, die ja vom ebenfalls dänischen Interpresse-Verlag übernommen wurde? Ich erinnere mich dunkel, dass der dänische Mutterverlag Carlsen Kopenhagen damals stolz verkündete, eine nie dagewesene Gesamtausgabe zu veröffentlichen, originalgetreue Farben und Aufbereitung etc. Worin bestand das Neue der Carlsen-Reihe…? Denn auch diese Reihe stieß bei Kennern auf Kritik…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Neu war, dass man erstmals von Anfang an zu publizieren begann… Die Farbgebung wurde hier anhand vorliegender Zeitungsseiten neu gemacht, was für die damalige Zeit eine ganz gute, wenn auch keine ideale Lösung war.

 

COMICOSKOP: Welche Rolle hattest Du mit Blick auf die Carlsen-Reihe inne? Hast Du da alles nochmal neu übersetzt?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Wie schon gerade angedeutet, habe ich weder für Pollischansky noch für Melzer übersetzt. Ich habe für Carlsen von Seite 1 an den Text neu übersetzt und gestaltet. Dabei habe ich versucht, möglichst eine dem Original adäquate Version zu erstellen, die das Original respektierte und sich nicht anmaßte, blumig etwas dazu zu erfinden zu müssen. Wenn im Original Dialog war, habe ich den folglich auch nie in indirekte Rede verwandelt. Ich wollte Foster dem Leser so näherbringen, wie er ist, und nicht das Rad neu erfinden. Natürlich geht das nicht eins zu eins, aber ich denke, ich habe das ganz gut hinbekommen.

Der junge Wolfgang J. Fuchs im österreichischen Fernsehen: Schrieb Texte und gestaltete Collagen und verfasste Einführungsseiten für den Wiener Pollischansky Verlag; von 1987 an war er Übersetzer der deutschen Carlsen- und sodann der Bonner Bocola-Version. Foto: Screen Shot Wolfgang J. Fuchs

COMICOSKOP: Wie genau bist Du bei der deutschen Textübertragung für Carlsen vorgegangen? Auch für Dich als comicophiler Amerikanist ja keine einfache Übung…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Bevor ich meinen Carlsen-Text gemacht habe, habe ich mir die Pollischansky- und die Melzer-Versionen angesehen, versucht, deren Fehler zu vermeiden, und einen eigenen – sagen wir mal kongenialen - Stil zu finden, der der Erzählweise des Originals näher kommt als alle Vorgängerversionen. Ich habe zur Vorbereitung das dann so gemacht, wie man die Anschlagzahl einer Textspalte bei der Zeitung errechnet, also die Zahl der Buchstaben in z.B. zehn aufeinanderfolgenden Zeilen gezählt und das Resultat durch zehn geteilt. So habe ich errechnet, wie viele Buchstaben ich höchstens pro Zeile verwenden kann. Wenn nötig, habe ich dann den Originaltext auf dieses Muster leicht eingedampft. Ich habe aber immer darauf geachtet, den ursprünglichen Intentionen Fosters und seiner Nachfolger gerecht zu werden und den Sinn und Hintersinn adäquat rüberzubringen. Für Fachbegriffe hatte ich immer Nachschlagewerke und Lexika zur Hand. Und stilistisch habe ich natürlich umgesetzt, was ich aus der Literatur für vergleichbare Epen kannte.

COMICOSKOP: Woher kam denn das Material der Hamburger? Carlsen wirbt ja damit, die erste vollständige Prinz Eisenherz-Edition in deutscher Sprache präsentiert zu haben…

 

WOLFGANG J. FUCHS: In Skandinavien, genauer gesagt Dänemark, hatte man dank Interpresse, wie Du ja schon sagtest, wohl das gesamte Material vorliegen, wobei die dänischen Interpresse-Ausgaben größer waren als die Carlsen-Version.

 

COMICOSKOP: Ja, selbst die Amerikaner war damals neidisch auf die Wikinger bei Interpresse! …Dann gab es ja die opulenten Mammut-Ausgaben des alten Splitter-Verlags… in s/w und Überformat…warst Du daran auch beteiligt, was sagst Du zu dieser Version des Ritters der Tafelrunde…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Nun ja, dazu habe ich auch Vorworte verfasst. Der deutsche Text war von Carlsen übernommen worden, war also auch mein Text. Als Faksimile-Ausgabe war das ganz gut, weil man sehen konnte, wie die Seiten in den Zeitungen ausgesehen haben. Ich hätte mir da allerdings gewünscht, dass man den durch Alterungsprozesse des Papiers entstandenen Farbstich etwas korrigiert hätte. Aber auch so war das Resultat recht ansehnlich...

COMICOSKOP: Zwischen 2006 und 2012 setzte der Bonner Bocola-Verlag neue Maßstäbe mit der digital komplett erneuerten Prinz Eisenherz-Fassung der Hal Foster-Geschichte, siebzehn mustergültige Hardcover-Bände. Wie denkst Du darüber…? Was zeichnet die Bocola-Bände aus? Wenn ich es recht weiß, werden die originalgetreuen Farben anhand von bestmöglichen Original-Zeitungsseiten am Computer nachgeahmt – und das Resultat scheint ja erstklassig auszufallen..?!

 

WOLFGANG J. FUCHS: Nun, bei den Bocola-Bänden wurde versucht, die Farbgebung anhand der Originale nachzuempfinden… es ging darum, sie in eine moderne Farbgebungsoptik ohne die groben Rasterpunkte der Originalzeitungsversion umzuwandeln. Das ist natürlich nicht original, aber so, wie das Original mit den heutigen technischen Möglichkeiten schon damals hätte sein können. Mit dieser Ausgabe bin ich sehr zufrieden, zumal sie ja auch meine Übersetzung enthält. Da ich praktisch alle meine Texte abgespeichert habe, konnten sie – nachdem ich diese durchgesehen und manchmal kleine Korrekturen gemacht hatte – einfach für den Computersatz verwendet werden, für den man bei Bocola eine eigene Schrift entwickelt hat.

 

COMICOSKOP: Eigene Eisenherz-Schrift, ist ja hochinteressant… Es scheint ja so zu sein, dass die Bocola-Leute nicht nur eine gelungene bibliophile Hardcover-Ausstattung für Prinz Eisenherz gefunden haben, sondern auch das Problem der Original-Farben dank moderner Computertechnik haben lösen können…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Ganz recht. Bocola hat die Original-Sonntagsseiten digital in aufwendiger Weise restauriert. Gelungen ist so eine dem amerikanischen Original möglichst nahe kommende Buch-Version. Soweit das anhand der Vorlage von Zeitungsseiten möglich ist, die man einscannen und bearbeiten kann.

Ein Leben für den Wikingerprinzen: Prinz Eisenherz-Kenner und -Übersetzer Wolfgang J. Fuchs / (c) Foto: Martin Frenzel (Comicoskop)

COMICOSKOP: Kannst Du ein Beispiel erzählen, wie Du bei der Eindeutschung mit Blick auf die Boccola-Version vorgegangen bist: Gab es Klippen, Fallstricke? Dinge, die Du anders übersetzen musstest, um sie den deutschen Lesern verständlich zu machen…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Da gibt es nicht viel zu erzählen, weil das die nur geringfügig überarbeitete Textfassung ist, die ich für Carlsen gemacht habe. Also: Ich sehe jeden Text noch einmal ganz genau durch und mache gelegentlich kleine Korrekturen. Das Schöne war, dass man bei Bocola nicht irgendeine Neufassung, sondern meinen Text haben wollte. Und da die Rechte an meinem deutschen Text bis ungefähr Band 79 von Carlsen bei mir liegen, kann Bocola den verwenden – wobei ich dann der Lizenzgeber bin.

COMICOSKOP: Zum Zeitungscomic Prinz Eisenherz/Prince Valiant, der am 13. Februar 1937 erstmals erschien, vor 80 Jahren genau: Wie kam es dazu, dass Foster sich von Tarzan abwandte – welche Rolle spielte William Randolph Hearst dabei… und sein King Features Syndicate-Manager Joseph Connelly? Soweit ich weiß sollte Eisenherz ja nach Fosters Willen eigentlich Derek, Son of Thane, später Prince Arn heißen...

 

WOLFGANG J. FUCHS: Das ist ja bekannt. Er wollte nicht immer nur Geschichten für andere Leute zeichnen, sondern seine eigene Serie haben. Was nicht ganz so bekannt ist: Als Copyright stand zwar King Features auf den Seiten, aber Foster hatte die alleinigen Rechte an der Serie – bis er sie, als er auch keine Vorzeichnungen mehr machte – an King verkaufte. Allerdings ließ sich Foster überreden, nicht seinen Titel für die Serie zu nehmen. Er hat sich aber später „gerächt“, indem a) das Singende Schwert von einem Prinzen Arn stammt und b) deshalb Eisenherz‘ erster Sohn denn auch Arn hieß.

 

COMICOSKOP: Wieso wählte Hal Foster denn ausgerechnet eine Ritter-Abenteuerserie im weitgefassten Mittelalter? Wie kam Foster auf die Idee, Camelot, die Ritter der Tafelrunde, den Zauberer Merlin und die Artus-Sage zum Ausgangspunkt zu nehmen? Hatte er literarische Vorbilder, wenn ja, welche? Wieso hat Foster seinen Wikingerprinzen im frühmittelalterlichen Norwegen nahe Trondheim beheimatet… ?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Im Wesentlichen aus dem gleichen Grund, aus dem Jim Davis einen Katze als Hauptfigur wählte: weil es damals keinen thematisch vergleichbaren Comic gab – und man durch das Neuartige auffiel. Ich glaube, die Artussage lag einfach nahe, weil das meiste, was es an Ritterliteratur gab – Sir Walter Scott etc. – in dieser Zeit spielte. Das ist auch der Grund dafür, weshalb Fosters Mittelalter nicht so aussieht, wie man sich die Zeit von Artus eigentlich vorstellen müsste, sondern wie im Hochmittelalter. Thule und Trondheim waren irgendwie logisch. Aber ich will hier nicht alle Details ausbreiten, die man auch selber nachlesen kann.

COMICOSKOP: Wie denkst Du über Hal Foster als Zeichner und Bilderzähler: Wie würdest Du seinen grafischen Stil charakterisieren? Wo lagen seine Stärken als Zeichner? Worin die als Texter, Geschichtenerzähler…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Da denke ich nur das Beste. Er zeichnete in der Tradition der Grafiker und Illustratoren des 20. Jahrhunderts und hatte da auch seine Vorbilder. Eine seiner Stärken war, dass er zwar in Schwarzweiß zeichnete, aber für Farbdruck arbeitete und daher genau wusste, was er wollte und was zu beachten war. Deshalb sind Schwarzweiß-Nachdrucke eigentlich irreführend, weil sie nicht das ganze „Bild“ zeigen. Das Fehlen der Farbe ist etwa so, als würde man den Text weglassen. Als Erzähler hatte Foster den nötigen langen Atem und Einfallsreichtum. Und er nahm sich selbst nicht so wichtig. – Manchmal wird sein Stil ja als akademisch bezeichnet. Wenn man bedenkt, dass viele Zeichner von ihm beeinflusst wurden, sollte man ihn vielleicht besser vorbildlich nennen.

 

COMICOSKOP: Ein großes Vorbild! Foster muss ja eine eiserne Disziplin besessen haben: Zwischen 1937 und 1971 entstanden Woche für Woche meines Wissens 1788 Seiten… eine unglaubliche Zahl… wie müssen wir uns das vorstellen, einen typischen Hal Foster Arbeitstag…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Arbeitsreich. Foster hat manchmal 55 Stunden pro Woche gearbeitet (Schreiben und Zeichnen)…

 

COMICOSKOP: Ist ja Wahnsinn… Wie ging der Workaholic Foster bei den Recherchen für Prinz Eisenherz vor…? Benutzte er Archive, Fotos…? Woher bezog er sein enormes historisches, wenn auch kreuz und quer zusammengesetztes historisches Wissen?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Natürlich hat Foster recherchiert, in Bücher, Museen oder auf Reisen. In Europa hat er ja viel fotografiert. Aber er hat immer gesagt, dass er nie direkt von Vorlagen abzeichnet, sondern sich etwas ansah – und das dann so zeichnete, wie er es in der Geschichte brauchte.

COMICOSKOP: Hatte Foster eigentlich freie Hand durch die Zeitungscomic-Agentur, King Features Syndicate? Oder haben die dann und wann hineinregiert, etwas abgelehnt, versucht, ihn an die Kandare zu legen…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Ja, Foster hatte freie Hand, weil ihm die Serie gehörte. Ganz selten wurden Korrekturen an seinen Bildern gemacht, wenn man meinte, seine sarkastische Darstellungsweise könne vielleicht verschrecken. In den 1940ern musste er zeitweilig wegen der Papierknappheit das Format ändern und verschiedene Versionen anbieten.

 

COMICOSKOP: Ist es nicht problematisch, dass sich Hal Foster kaum um die historische Genauigkeit scherte, mal locker vierhundert Jahre in seine Serie einverleibt…? Da werden römische Legionäre, die Ägäis munter mit Wikingerzeit und Byzanz gemischt, Foster springt fröhlich vom Früh- ins Mittel- und weiter ins Spätmittelalter, zwischen Muslimen, Alchemisten und Indianern hin und her - und wieder zurück… Ist es nicht paradox: Prinz Eisenherz wirkt zwar durch die naturalistischen Zeichnungen authentisch, ist es aber von der historischen Handlung her gesehen gar nicht, wenn man genauer hinsieht…?!

 

WOLFGANG J. FUCHS: Eigentlich nicht, weil es sich ja um eine Sage handelt. Oft ist es auch künstlerische Freiheit. Beispiel: Eisenherz ist ja am Sieg über die Hunnen auf den katalaunischen Feldern beteiligt und kommt mit dem siegreichen Aetius nach Rom, wo der Sieger über die Hunnen ermordet wird und man Eisenherz dieser Tat verdächtigt. Das passiert bei Foster alles innerhalb weniger Tage, während Aetius in Wirklichkeit erst rund zwei Jahre später ermordet wurde. Foster hat da also die Zeit gestrafft, damit sie einen abgeschlossenen Erzählbogen ergibt. Er hat ja auch selbst gesagt, dass er ungefähr zwei, drei Jahrhunderte als Rahmen seiner Geschichte angesetzt hat. Dazu passt, dass es Historiker gibt, die meinen, ein römischer Kaiser hätte aus Geltungssucht einfach die Jahre 300 bis 500 überspringen lassen (sodass wir also gar nicht im 21. Jahrhundert leben)…

 

COMICOSKOP: Wirklich? Wir schreiben also in Wirklichkeit das Jahr 1717 oder gar 1617? Das klingt ja schwer nach Fake News…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Ja, das ist wie beim Trump Tower in New York, der angeblich 63 Stockwerke hat, in Wirklichkeit aber nur 53, weil Trump einfach beim Zählen zehn Stockwerke ausgelassen hat, damit von der „Zählung“ her das Gebäude höher scheint als es ist. (Da hatte ihm aber noch niemand verbale Hilfestellung à la „alternative Fakten“ gegeben)…

COMICOSKOP: Wusste ich’s doch – wir reden hier über Eisenherz, denken an nichts Böses – und enden irgendwann doch wieder bei Donald J. Trump… ! Welche Phasen in der Entwicklung von Prinz Eisenherz lassen sich unterscheiden – von 1937 bis 1970/71, ehe Foster die Serie endgültig an John Cullen Murphy abgab…??? Es fällt auf, dass mit der Zeit Eisenherz‘ Sohn Arn immer mehr die Hauptrolle übernimmt… Eisenherz selbst altert, wenn auch langsam, Aleta hat nach der Heirat die Hosen an… Arn wäre ja – 1947 erstmals erschienen – 2017 theoretisch 70 Jahre alt…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Die ersten Wochenfolgen hatten noch kleinere Bilder, ähnlich den Tarzan-Seiten. Möglicherweise war das der Entwicklungsphase der Serie geschuldet. Spätestens seit Folge 37 oder 38 verwendete Foster dann größere Bilder und verlieh allein schon dadurch seiner Serie eine besondere Größe.

 

COMICOSKOP: Während des Zweiten Weltkriegs lässt Foster Eisenherz gegen die grausamen Hunnen kämpfen. War das nicht Fosters Beitrag gegen Nazi-Deutschland? Im angloamerikanischen Sprachbereich steht der Begriff „Hunnen“ doch wohl als Chiffre für die Deutschen…

 

WOLFGANG J. FUCHS: Foster selbst erklärte mir, dass das rein aus dem historischen Zusammenhang kam und dass ihm das niemand angeraten hatte. Es lassen sich auch sonst keine Parallelen zum tagesaktuellen Geschehen der Zeit finden. (Außer Anspielungen, dass Eisenherz, wenn er auf Abenteuer geht, auch nicht viel anders ist als ein Mann, der mit dem Vorortzug zur Arbeit fährt. Mit einem Augenzwinkern hat Hal Foster immer gerne Vergleiche mit der Gegenwart gezogen.)

 

COMICOSKOP: Es bleibt augenfällig, dass Eisenherz gegen die Hunnen kämpft, genau in dem Moment, als die US-Amerikaner gegen Hitlerdeutschland Front machen… auch gibt es ja eine Karikatur Fosters, da sieht man Eisenherz, wie er den großen Diktator Hitler gerade niedergeschlagen hat und sagt: „Ihr armen dummen Hunnen, habt schon immer mit dem Ärger angefangen und ihr wart nie in der Lage, ihn auch zu beenden.“

 

WOLFGANG J. FUCHS: Trotzdem, Versuche, ihm bestimmte Themen nahezulegen, hat Foster stets zurückgewiesen. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang aber, dass John Cullen Murphy 2003/4 – also einige Jahre nach 9/11 – das Thema Terrorismus in Europa abhandelt und dessen Hintergründe ziemlich klar durchschaubar macht.

COMICOSKOP: Stimmt denn die Anekdote, dass Foster Prinz Eisenherz nach seinem eigenen Spiegelbild formte, Aleta nach dem Antlitz seiner Frau Helen?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Ja. Deswegen stellte er sich seine Frau auch gern als „Mrs. Prince Valiant“ vor und sagte dazu in einem Interview: „Wenn der Prinz ein wenig anmaßend wird, weist Aleta, seine Ehefrau und Mutter seines Baby-Sohnes, ihn in seine Schranken. So macht Mrs. Foster das auch mit mir.“

 

COMICOSKOP: Muss man Prinz Eisenherz nicht, streng genommen, als das Werk eines Kanadiers sehen…?! Prinz Eisenherz gilt aber in der Wahrnehmung als ur-US-amerikanische Angelegenheit…

 

WOLFGANG J. FUCHS: …Da Foster die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat, ist Eisenherz ein amerikanischer Comic.

COMICOSKOP: Was hältst Du von Fosters Cullen Murphy – vielen Kritikern, mich eingeschlossen, ist er grafisch gesehen viel zu kantig-stereotyp… der elegant-virtuose Zeichenstrich Fosters wurde abgelöst durch einen langjährigen Boxercomic-Zeichner… der Übergang geschah ja nicht abrupt, Foster zog sich ja wohl erst langsam zurück, schrieb noch eine Weile bis 1980 die Szenarios für seinen Nachfolger….

 

WOLFGANG J. FUCHS: Also, wenn man sich die ersten Murphy-Solojahre ansieht, dann ist das alles durchaus noch mit dem großen Atem gemacht und sieht auch Foster durchaus ähnlich. Später macht sich dann aber doch das Alter bemerkbar und der Zeichenstil wurde fluffiger.

 

COMICOSKOP: Aber, wäre nicht Wallace Wally Wood, von dem ja nicht nur eine Prinz Eisenherz-Probeseite existiert, sondern auch eine, wie ich finde, wunderbare, gelungene Satire auf Prince Violent für Kurtzmans MAD 1954… wäre dieser Wally Wood nicht der grafisch bessere Foster-Nachfolger gewesen…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Nein. Er hätte Eisenherz wahrscheinlich nicht so ernst genommen wie Murphy. Auf seiner Probeseite sah Aleta auch so drall aus wie in seiner 50er Jahre Parodie. Und er hatte gesundheitliche Probleme, so dass Foster bald einen weiteren Zeichner hätte suchen müssen. Mit Murphy hat er sich einen langlebigen Nachfolger erkoren. Der andere Zeichner, den Foster getestet hatte, Gray Morrow, hat zwar später (wie früher Foster) Tarzan gezeichnet. An diesen Comics sieht man aber zum einen, dass sein Stil zu locker war, um ganz zu Eisenherz zu passen. Außerdem ist Morrow, leider, auch nicht sehr alt geworden.

COMICOSKOP: Kannst Du sagen, was es mit „The Medieval Castle“ (auf deutsch unter dem Titel „Abenteuer zweier Ritterknaben“ erschienen) von 1944/45 auf sich hat? Wie kam es zu dieser Nebenserie?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Das war eine Zusatzserie aus der Feder Hal Fosters, damit man – in der Zeit der Papierknappheit im 2. Weltkrieg – als die Zeitungen weniger Platz für Comics hatten… Der Vorteil war, dass man so Eisenherz nicht zu beschneiden brauchte, wenn eine Zeitung ihr Comicangebot verdichten musste. Zu Beginn dieser Umstellung gab es auch Seiten in zwei Versionen.

 

COMICOSKOP:… und wie passt zu Fosters Mittelalter-Vorliebe die ganz und gar aus dem Rahmen fallenden Geschichte „The Song of Bernadette“ nach dem gleichnamigen Roman von Franz Werfel – die Geschichte um Bernadette von Lourdes – von 1948 ???

 

WOLFGANG J. FUCHS: Sehr gut. Foster hatte ja mit einer Romanbearbeitung von Tarzan begonnen. Und der Book-of-the-Month-Club wollte für die Romanbearbeitung von Werfels Roman eben den bestmöglichen Illustrator haben...

COMICOSKOP: Kommen wir zum Thema Prinz Eisenherz im 21. Jahrhundert: Was hältst Du von den neuen Prinz Eisenherz-Zeichnern der Nach-Cullen-Murphy-Ära, also Texter Mark Schultz und Zeichner Garry Gianni, jetzt neuerdings dem jüngsten Zeichner der Serie, Thomas Yeates, als Nachfolger von Gianni…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Gary Gianni hat ja die letzten Murphy-Jahre schon assistiert, aber eigentlich nie wirklich etwas mit Eisenherz anfangen können. In den USA war man von ihm begeistert, bei uns aber weniger. Mit Tom Yeates ist der Stil, wie ich finde, wieder solider geworden. Allerdings sind die Storys seit der Übernahme durch Schultz stark in den Fantasy-Bereich gegangen und der historische Rahmen wird doch stark vernachlässigt. Außerdem sind die Handlungsbögen nun wegen der beschränkten Bilderzahl manchmal aberwitzig lange. Dazu passt, dass Eisenherz in Folge 4076 im Rückblick auf das eben überstandene Abenteuer mutmaßt: „Das war die längste Woche meines Lebens.“ Das war es in der Tat, wenn man bedenkt, dass dieser Handlungsbogen ungefähr mit Folge 4012 begann, also über ein Jahr lang dauerte.

 

COMICOSKOP: Was denkst Du, wird es Prinz Eisenherz auch in zwanzig Jahren noch geben? Dann wird er 2037 seinen 100. Geburtstag feiern… Anders gefragt: Ist Prinz Eisenherz ein Phänomen von gestern, des alten 20. Jahrhunderts oder auch des neuen radikal beschleunigten digitalen 21.Jahrhunderts, im Zeitalter von Big Data?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Gut möglich. Fragt sich halt, ob da die neuen Eisenherz-Comichefte in USA hilfreich sind, die das Ganze im typischen Comicstil angehen. Aber Prognosen kann und will ich ohne eine funktionierende Kristallkugel nicht machen. Den klassischen Eisenherz eines Foster wird es aber gewiss auch in 20 Jahren noch geben.

COMICOSKOP: Wenn Du Prinz Eisenherz und Hal Foster – ein Resümee ziehend – von ihrer Bedeutung her in die Geschichte der Comics einordnen würdest, wo stünden die Serie und ihr Schöpfer dann aus Deiner Sicht?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Foster und Eisenherz waren zur richtigen Zeit am richtigen Platz und haben deshalb (und natürlich vor allem wegen der Zeichnungen und der Erzählung) Comic-Geschichte geschrieben.

 

COMICOSKOP: Wäre nicht eine umfassende Hal Foster / Prinz Eisenherz-Ausstellung mal wieder überfällig…?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Doch, ja.

 

COMICOSKOP: Noch eine persönliche Frage zum Schluss: Wenn Du einen einzigen Eisenherz-Geschichte aus der Feder Hal Fosters mit auf eine einsame Insel nehmen müsstest, welche wäre das dann – was ist Dein persönlicher Favorit unter Fosters Prinz Eisenherz-Abenteuern?

 

WOLFGANG J. FUCHS: Gibt es denn nicht mehr als eines? Ist Eisenherz nicht ein Gesamtkunstwerk?

 

COMICOSKOP: Lieber Wolfgang, also, ich höre heraus: Du würdest gleich alle siebzehn Bocola-Bände von Hal Foster auf mit auf die Insel nehmen! Da hast Du aber ganz schön was zu schleppen! Da ist es gut, eine Familie als Lastenträger zu haben… Auf alle Fälle: Ganz herzlichen Dank für das Gespräch, auch im Namen aller Leserinnen und Leser des deutschen Online-Fachmagazins COMICOSKOP!

Copyright sämtlicher Prinz Eisenherz-Abbildungen auf dieser Serite: (c) King Features Syndicate and its prospective owners / Vertrieb: Bulls Pressedienst / dt. Verlag: Bocola Verlag, Bonn.

COMICOSKOP-Herausgeber Martin Frenzel vor einem Prinz Eisenherz-Plakat in der Comics! Mangas! Graphic Novels!-Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle / Foto: (c) Comicoskop 2017

Martin Frenzel, COMICOSKOP-Gründer, -Herausgeber und -Chefredakteur,  Comicforscher und 2005 Mitbegründer der deutschen Gesellschaft für Comicforschung (ComFor), las Prinz Eisenherz von Jugendbeinen an in "Primo" und "Zack" Mitte  der 1970er - der Gang zum Kiosk, um den neuesten Eisenherz von Pollischansky zu ergattern, ist ihm noch in guter Erinnerung. Ein Glücksgefühl, das nur wenigen Comics vorbehalten war. Nur nicht die garstig-griesgrämig dreinblickende Mainzer Kioskfrau: Sie guckte so voller Ingrimm, als wäre sie eine aus Fosters Wikingerprinz-Saga entsprungene, mit einem bösen Fluch belegte Medusa. Zudem las er mit nicht minder großer Begeisterung die damals - vor der Bocola-Ausgabe - beste Eisenherz-Version des dänischen Interpresse-Verlags.  1992 war es für ihn Ehrensache, Wolfgang J. Fuchs zu einem Prinz Eisenherz/Hal Foster-Vortrag zu den Mainzer Comic-Tagen einzuladen. Bis heute ist er begeisterter Hal Foster-Fan geblieben - neben Hergé und Alex Raymond - natürlich ganz subjektiv gesehen - der absoluter Top-Favorit unter den "ewigen" Klassikern. Den Mainzer Prinz Eisenherz-Kiosk gibt es längst nicht mehr...

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