Unabhängiges E-Fachmagazin für Comic-Kultur & Bildgeschichte

Herausgegeben und gegründet von Martin Frenzel                      Online seit Dezember 2014 / Chefredakteur: Martin Frenzel

Comicoskop-Rezensionen: Comics, Graphic Novels, Mangas und Fachbuch.

Januar bis Dezember 2016

„Wo ist Adolf?“ - Zynische Comic-Wimmelbilder aus Hitlers Hakenkreuz-Welt

Der flämische Tabubrecher Pieter De Poortere:  Frecher Witz fordert die Leser / Ein Tipp aus der COMICOSKOP-Redaktion

Eine Rezension von COMICOSKOP-Redakteur Tillmann Courth

Der belgische Illustrator und Comic-Künstler Pieter De Poortere

hat 2010 einen beachtlichen Comic veröffentlicht, der nie auf Deutsch erschienen ist: „Hitlers Sohn“ (oder besser „Le fils d’Hitler“, ist ja hier nie erschienen) ist eine wortlose Bildergeschichte von 60 Seiten, die man also auch auf Französisch oder Niederländisch perfekt verstehen

kann!

Stein des Anstoßes? Das doppelte Adolfchen im funny look – © Pieter De Poortere / Editions Glénat

In sieben Kapiteln (die jeweils mit einem doppelseitigen „Wimmelbild“ eingeleitet werden) gelingt De Poortere eine  freche, ulkige, mit schwarzem Humor durchsetzte fiktive Hitler-Biographie über den Tyrannen. Sein putziger Kinderbuch-Stil kollidiert aufs Feinste mit den derben Inhalten, entrückt uns Leser in eine cartooneske Parallelwelt.

Getragen wird die Geschichte von den Emotionen ihrer Figuren: Hitler wünscht sich Nachwuchs, der Sohn hat sich in

eine Jüdin verliebt, die ihm jedoch von einem Amerikaner ausgespannt wird. Der Sohn folgt Vickie ins Lager, der Ami heftet sich als Killer an seine Fersen – und Hitler findet zum Schluss sein Glück.

Der spätere Diktator Adolf Hitler nämlich hat im Ersten Weltkrieg unwissentlich einen Sohn gezeugt, den er nun in den grausigen Wirren des Zweiten Weltkriegs sucht. Die bonbonbunten Kinderzeichnungen verschweigen nicht die Existenz des Vernichtungslagers Auschwitz, die Bombardierungen Berlins oder den Widerstand der Résistance. Dieser Vernichtungs- und Angriffskrieg ist auch in minimalistischer Bilderzählung blutig! 

Auf den ersten Blick mit einem Kinderbilderbuch zu verwechseln: Wimmelseite von De Poortere) – © Pieter De Poortere / Editions Glénat

De Poortere nimmt uns mitten hinein ins Geschehen. Die Gräben des Ersten Weltkriegs, die Barracken des Vernichtungslagers Auschwitz, den Endkampf um den Führerbunker. Erstaunlich flüssig und komplex entspinnt sich ein Plot um fünf Personen, grafisch geschickt arrangiert, respektlos Versatzstücke aus der Popkultur zitierend. Josef Mengele als Frankenstein, Viagra in der Zyankaliflasche, der Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg als Serientäter, Sex in der Gaskammer, Mensch-Ärgere-Dich-Nicht auf dem Hakenkreuz-Spielfeld.

Ist das verharmlosend? Darf man das so zeigen?

Pieter De Poortere hat es getan, und der hier schreibende COMICOSKOP-Rezensent findet’s erfrischend. Geschmackssache. Deutsche Verleger werden aus eben dieser Unwägbarkeit heraus zurückgeschreckt sein. Dieser Band verherrlicht oder beschönigt nichts. Dieser Comic fordert seine Leser. Zum Verständnis braucht es Kenntnis diverser historischer Persönlichkeiten und Fakten. Sonst erschließt sich der freche Witz von „Le fils d’Hitler“ nicht. Der Amazon Deutschland-Konzern jedenfalls beschafft einem das Werk...

                                                                                            (tic)

Schrecken des Ersten Weltkriegs – Hund apportiert Handgranate) – © Pieter De Poortere / Editions Glénat   / Bild POORTERE2 – Schrecken des Zweiten Weltkriegs – immer Ärger mit Stauffenberg – © Pieter De Poortere / Editions Glénat   Bild POORTERE3 –  Doppeltes Pech im Spiel – an der Ostfront ist die Hölle los) – © Pieter De Poortere / Editions Glénat

Der Flame Pieter De Poortere (*1976) debütierte 2001 mit "Boerke" (Dickie), heimste damit sofort den Preis für den besten Comic des Jahres in niederländischer Sprache ein. Seitdem kamen vier Dickie-Alben auf den Markt, der Comic wird regelmäßig in verschiedenen flämischen und französischen Zeitschriften veröffentlicht. Die Kombination von zynischem Witz, unschuldigem Zeichenstil das ist das Markenzeichen de Pooerteres und seines eigentümlichen Stila. Seit 2014 sind seine Werke Teil der ständigen Sammlung des Belgischen Comic-Zentrums in Brüssel.  Mit "Le Fils de Hitler" knüpft De Poortere an den zynischen Philippe Vuillemin-Comic "Hitler =  SS" vom En de der 1980er Jahre an: Auch dieser Comic überschritt die Grenzen des guten Geschmacks ganz bewusst...  

COMICOSKOP-Redakteur Tillmann Courth fand die spanische

Ausgabe („El hijo de Hitler“) in einer Grabbelkiste – und hat sich sehr darüber

gefreut.

 

Zombie-Comic mit unerhörter Fallhöhe: Provinzielle Apokalypse

„Die Toten“ bei Panini marschieren wieder

Von COMICOSKOP-Redakteur Tillmann Courth

Nicht New York, Rio, Tokio – sondern Bochum, Potsdam und Bad Homburg sind die Schauplätze der deutschen Zombie-Serie „Die Toten“. Da ich zu blöd bin, zu durchschauen, was-wo-wie-wann bei Zwerchfell erschienen ist (diese „Zyklen“ machen mich fusselich), kaufe ich die Neuauflagen bei Panini. Ist auch der EINZIGE Zombie-Comic, den der Schreiber dieser Zeilen liest (zur Unterstützung heimischer Produktion, und alle anderen sind mir zu weitschweifig angelegt).

Denn was will man stundenlang Serien schauen oder bändeweise Comics lesen, in denen es einzig darum geht, wer wann wem die Rübe wegbläst?! Ist Zombie-Unterhaltung überhaupt „abendfüllend“? Was sagt es über unsere Kultur aus, dass der Zombie das Monster unserer Tage ist? Ein nicht dialogfähiges Schlachtvieh aus der Ballerspielindustrie, Ventil einer erkalteten, neoliberalen Welt, in der das Individuum gegen die nicht differenzierbare Flut von Angreifern sich wehren muss? Wie lange noch, bis Flüchtlinge zu Zombies erklärt werden und endlich abgeschossen werden dürfen?

Entschuldigung, da war der COMICOSKOP-Redakteur zu schnell in der rhetorischen Kurve… Also ich finde langatmige Zombiegeschichten zwiespältig und REDUNDANT wie die… Hölle, haha. Plus: Ich bin in der COMICOSKOP-Redaktion halt derjenige, der für Kurzgeschichten (massiv Zeugnis davon legt meine Webseite FIFTIES HORROR ab).

Das attraktive Titelbild des zweiten Bandes) – © Ingo Römling / Panini & Zwerchfell

„Die Toten“ sind der ehrenwerte Versuch, Zombies heimisch anzusiedeln. Die Erfinder des Konzepts (Christopher Tauber und Stefan Dinter) erlauben ihren Autoren und Zeichnern alle Freiheiten auf der „Kurzstrecke“ (ich zähle Geschichten von 22 bis 35 Seiten Länge) – das ist wunderbar. Aber was machen sie draus?

 Band 1 von Panini hatte mich 2013 großteils den Kopf schütteln lassen: Herrgott, DEUTSCHE Zombie-Comics! Sachlich, realistisch, irgendwie ausgewogen - und auch logistische Aspekte ausleuchtend (Wie kommt die Seniorengruppe unbeschadet noch zum Supermarkt?). Hilfeeee! Wieso können die Deutschen nicht sowas wie HACK/SLASH liefern?! Praller Splatter-Spaß, der sexy ist und knallig, actionreich und Humor hat. (Ich entschuldige mich für den furchtbaren Begriff „praller Splatter-Spaß“, aber genau das ist HACK/SLASH.)

 Das war mein Resümee des ersten Bandes bei Panini (ausnehmen möchte ich allerdings die „Frankfurt“-Episode, die pure Action zum Auftakt bot). Wie schaut es nun mit dem Nachfolger aus? Wieder eine Wundertüte fünf bunt gemischter Geschichten. Und die erscheinen mir diesmal weitaus knackiger aufbereitet!

 Dieses Totenbuch eröffnet mit „Bochum“, einer Boy-meets-Girl-in-a-Zombieworld-Geschichte. Die verschneite Innenstadt (es ist Weihnachten!) lädt beide zu einem Schneeball-Werfen auf die Untoten ein. Das kann man pillepalle finden, aber Timo Grubings Zeichnungen in Blau- und Sepiatönen (die für mich Graphic-Novel-Style sind) kreieren eine unerhörte Fallhöhe zu drastischen blutrot-triefenden Gewaltdarstellungen. Und warten immer wieder mit wunderhübschen Details auf: verstreute Körperteile in der Straßenlandschaft, herausfallende Augäpfel, eine tote Mickymaus auf dem Wandkalender, baumelnde Zombiehoden. So macht Graphic Novel Spaß!

„Bochum, du machst mit ‚nem Doppelpass jeden Gegner nass“ – Auftritt des VfL-Zombies) – © Timo Grubing / Panini & Zwerchfell

 

Dünnster Plot des Bandes ist sicherlich die sich

anschließende „Potsdam“-Geschichte, die auf einen simplen Twist hinausläuft (den ich hier aber nicht ver-spoilern werde). Wettgemacht wird das jedoch durch ein offenbar komplett am Computer generiertes Artwork, das mit fiebrig überdrehten Splatter-Effekten buchstäblich „glänzt“.

Zurück zu Bildern im klassischen Handwerksstil führt uns „Berlin“. Drei wirre junge Leute statten der ägyptischen Abteilung des Museums einen Besuch ab.  Sie suchen ein Artefakt, von dem sie glauben, es sei für den Ausbruch der Zombieseuche verantwortlich. Die in Schwarz-Weiß

gehaltenen Illustrationen sind unspektakulär, dafür ruht das Gewicht auf Boris Kochs Story. Die Überlebenden sind dermaßen verzweifelt, dass sie nach jedem Strohhalm greifen, um wieder Herr der Lage zu werden und diesen Alptraum zu beenden. Benjamin Höllrigls Kunst bietet wenig Schaueffekte, aber mir gefällt die Intention. In der Not frisst der Zombie Fliegen, und der Mensch sucht Zuflucht im Okkultismus. Unser Beitrag für

Verschwörungstheoretiker!

Was uns Christopher Bünte und Rudy Eizenhöfer dann mit

„Nord-Brandenburg“ präsentieren, wirkt wie eine spin-off-Episode des Zombiefilms „28 Days Later“: Eine Überlebende gerät in einer Kaserne in eine Konfrontation mit aggressiven Soldaten. Hmm. Natürlich darf man sich fragen, ab wann der Mensch zur Bestie wird und umgekehrt. Homo homini lupus und so. Dazu möchte man fast schon wieder Grönemeyer-Musik auflegen.

Die letzte Geschichte, „Bad Homburg“, besticht durch

Kristina Reigbers krudes, aber mit kreativen Texturen hinterlegtes Artwork, das mich in seiner ausgestellten Rotzigkeit

an den erfrischenden und radikalen englischen Comic der frühen 90er erinnert

(Stichwort „Toxic!“ - https://en.wikipedia.org/wiki/Toxic!).

Ein Rocker bastelt sich eine „Höllenmaschine“ mit ausfahrbaren Kettensägen und mäht alles um, bis er komplett besudelt in Blut watet. Sein befriedigter Kommentar: „Mann oh Mann. Ich glaube, ich bin gerade gekommen…“. Jau! Geht doch! Entertainment over the top in Primärfarben – das ist Comic oft gewesen, dafür brauchen wir ihn. Der Autor dieser Rezension liebt Kultur, wenn sie (gekonnt gemacht natürlich) brachial wird.

Das muss kesseln! „Hells Angels“ bei der Arbeit ) – © Kristina Reigber/ Kaydee Artistry

 Dass Comics als „Schmutz und Schund“ angesehen wurden/werden, ist eigentlich das größte Kompliment, was man ihnen machen kann. So wie unsere Körper Bakterien brauchen, um das Immunsystem zu beschäftigen, so verlangen

unsere Hirne nach krankem, unkorrektem Input, um sich am allgemeingültigen Menschenverstand justieren zu können.

Comics sollten auf- und anregend sein! Ich bekomme

Schüttelkrämpfe, wenn ich im Buchhandel oder am Bahnhof nur totgerittene Produkte wie die „Lustigen Taschenbücher“, „Asterix“ und weitere gefällige Schnarchkultur wie „Tim und Struppi“, „Calvin und Hobbes“… Hoppla, wieso sehe

ich diese rhetorischen Kurven nie kommen… ?!

(tic)

 

COMICOSKOP-Redakteur Tillmann Courth ist unser

Horrorfachmann in der COMICOSKOP-Autorenredaktion, schaut aber gar keine Splatterfilme. Gewalt erträgt er nach eigenem Bekunden nur im Comic. Im Film ausnahmsweise, wenn es mit Distanz erzählt und mit schwarzem Humor präsentiert wird. Sein Lieblings-Zombiefilm ist übrigens Ruben Fleischers „Zombieland“ von 2009.

Weiß wie der Mond: Atemberaubende Antarktis-Saga in Aquarell

Exquisite Graphic Novel des Duos der Gebrüder Francois & Emmanuel Lepage / Auf Deutsch erschienen im Bielefelder Splitter Verlag

Von COMICOSKOP-Redakteur Hanspeter Reiter

Empfohlen hat mir diese exquisite Graphic Novel ein „alter Freund“, der selbst Hobby-Fotograf ist (und im wirklichen Leben Architekt): Er zeigte sich höchst beeindruckt von der visuellen Impressivität dieser … tja: Collage?! Nämlich aus langen gezeichneten Passagen, wirklich eindrucksvoll mit dem Weiß der Landschaft spielend – und Fotos, von der anderen Hälfte des Künstler-Duos Francois und Emmanuel Lepage beigesteuert.

 

Deren Einfluss auf den Comic-Teil ist kaum zu übersehen.

Dabei wird auch noch die Geschichte in der Geschichte dargestellt, da die lange geplante und eigentlich bereits geplatzte Reise schließlich doch zu Stande kommt: „Die Brüder Lepage machen sich noch einmal auf, um ein extremes Universum zu erobern: Den weißen Mond… und vereinen ihre Künste in einem Album.

Wieder das Meer, die Kälte ist schneidend und trocken, das Weiß makellos – die Eiswüste, die Welt der Extreme. Ein Jahr nach seiner Reise auf dem Versorgungsschiff Marion Dufresne in die Französischen Süd- und Antarktisgebiete wird Emmanuel Lepage erneut zu einer Expedition ins große 'A' eingeladen, an einen Ort, den er während seines Besuchs in den TAAF (Terres Australes Françaises) nicht aufgesucht hatte: die Antarktis! Yves, Direktor des IPEV (Institut Polaire Francais Paul Emile Victor) und Comic-Liebhaber, gibt dem Zeichner Gelegenheit, 'über die wissenschaftlichen Pläne, die (…) geleitet werden, die Handwerker, das tägliche Leben' auf der Dumont-d’Urville-Station im Adelieland zu berichten.

Für den Bretonen ist dies die Erfüllung eines Kindheitstraums zweier Jungen, der entstand, als sie gemeinsam Entdecker spielten; unmöglich, diesen Traum ohne seinen Bruder zu leben! Gemeinsam präsentiert uns das Brüderpaar die künstlerische Symbiose ihrer dokumentarischen Arbeit." In der Tat bietet diese Comic-Erzählung eine faszinierende Mixtur aus Aquarell-Zeichenkunst und Fotografie. Fazit: Eine atemberaubende Antarktis-Saga in Aquarell. 

Mehr lässt sich dazu kaum sagen, das muss Leserin & Leser selbst erleben … N.B. Witzig, dass ich diese 250 grafisch exzellenten Seiten in den Tagen genoss, die in den Halo des etwas anderen Mondes gerieten, des „Blutmondes“ nämlich, als Folge der totalen Mondfinsternis am frühen Morgen des 28. September 2015: Gerötet präsentierte er sich dort, wo der Himmel nur wenig bewölkt oder gar wolkenfrei sich gerierte, infolge der Sonnen-Strahlen, die von dort indirekt auf die Erde trafen …

HPR

(c) Alle Abbildungen: (c) Splitter Verlag

Weiß wie der Mond, Francois & Emmanuel Lepage, Splitter, ISBN 978-3-958-39146-8

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