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Comicoskop Nr. 5 / März  2016 / 3. Jahrgang / Gegründet 2014

Deutsche und internationale Comicforschung

Comicoskop-Dossier exklusiv: Karl May im Comic und anderen Populärmedien

(c) Kauka Media und Walter Neugebauer

Das ist schon längst mal fällig!

Karl May im Comic -                                                   Eine Comicoskop-Bestandsaufnahme

Von Dietrich Grünewald

Gilt Vielen als beste Winnetou-Comicadaption: Die Arbeit Helmut Nickels / (c) Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

In seiner Karl-May-Biografie (2011, die den treffenden Untertitel Die Macht der Phantasie hat) nennt Helmut Schmiedt Karl May einen „suggestiven Rollenspieler“ – (S. 138) – einen

„Popstar“, der mit der aberwitzigen Legende – er sei tatsächlich Old Shatterhand bzw. Kara Ben Nemsi und habe die Reiseabenteuer wirklich erlebt – ein Popularisierungsspiel mit enormer Resonanz betrieb.

Karl May (1842-1912) / Foto: Alois Schießer 1896, aus: Helmut Schmiedt: Karl May oder Die Macht der Phantasie. München: (c) C. H. Beck 2011

Das wird auch visuell unterstützt: durch die 1896 von Alois Schießer aus Linz fotografierten Selbstinszinierungen Mays, die in hoher Auflage einem gläubigen Publikum verkauft wurden, sowie durch die schon zu Lebzeiten Mays beachtliche

Medienverwertung des Markenproduktes „Karl May“.

„Karl-May-Utensilien, insbesondere Sammelbilder, die Szenen aus seinen Erzählungen illustrieren, wurden Margarine und Schokolade, Kaffee und Tee beigegeben, haben für

Zigaretten, Kaugummi und Zeichenblöcke geworben. Socken, Etuis und Trinkgläser wurden May-Motive aufgedruckt, Bier- und Weinflaschen mit Karl-May-Etiketten versehen. Es gibt Karl-May-Wundertüten, Karl-May-Comics, Karl-May-Zinn- und

Plastikfiguren, Karl-May-Kartenspiele, Karl-May-Würfelspiele, Karl-May-Puzzles und Karl-May-Laubsägearbeiten.“ (Schmiedt 2011,S. 300) Helmut Schmiedt erwähnt die Karl-May-Comics mit einem Wort – zwischen Wundertüten und Plastikfiguren. Da er ansonsten nicht weiter darauf eingeht, soll dieser COMICOSKOP-Beitrag ergänzen, dass die Comic-Adaptionen Karl Mays in Quantität und Qualität doch eine eigene Dimension umfassen.

(c) Winnetou, Erich Pabel-Verlag / Kaukamedia 1963 – 1964 / Winnetou Zeichenfilmbuch, Europress / Kaukamedia 1963 /   Der Schatz im Silbersee (Berühmte Geschichten) (c) Bastei-Verlag 1971 / Der Geist des Llano Estacoado, (c) Moewig-Verlag 1973 / Karl May Extra,(c)  Gevacur 1975 (Der Schatz im Silbersee) /Karl May. Durchs wilde Kurdistan. (c) Unipart-Verlag 1975 – 1976 / Durch die Wüste (Weltbestseller), (c) Bastei-Verlag 1977 / Der Sohn  des Bärenjägers, T. (c) Moewig, Reihe Super-Sonderheft, Nr. 17 (1971 – 1975) / Vandersteen Winnetou – T, (ab Dez. 1962; dt. Ausgabe: Wick-Comics 1999 – 2007) /Greenhorn –  Berlin (DDR) 1995, (c) Verlag Neues Leben, Z: Knox 4 Horváth Tibor/ Zórád Ernö: Winnetou. Budapest: Kossuth Nyemada o.J.

(c) Unipart Verlag / Willy Vandersteen-Version (c) Studio Vandersteen / Szene aus dem Vandersteen-Karl May-Comic (c) Studio Vandersteen

Incos-Sonderband / Karl May-Comicadaption durch den spanischen Comic-Zeichner Juan Arranz / (c) Juan Arranz/Kaukamedia/Lehning Verlag/Condor Verlag

Wie umfangreich das Angebot von Karl-May-Comics ist, zeigt dieser kleine Überblick.

Es gibt zahlreiche Beispiele, mehr oder weniger nah an den Karl May-Texten, Serien in Zeitschriften und Zeitungen, in Heften, Alben und Büchern; die Orientgeschichten (Kara Ben Nemsi) wie die Amerika-Geschichten (Old Shatterhand).

Neben grafisch und erzählerisch sehr gelungenen Beispielen, wie diesem Winnetou-Comic aus Ungarn (Horváth Tibor/ Zórád Ernö), finden wir auch rasch produzierte, die Popularisierungswelle der Karl-May-Filme nutzende Zeitungstrips, die oft weniger überzeugen.

1957 schufen die beiden Ungarn, Texter Tibor Horváth mit Zeichner Ernő Zórád für die ungarische Zeitung Pajtás eine Winnetou-Version, 1975 gab es eine Neuauflage  / (c) Tibor Horváth & Ernő Zórád

(c) Walter Neugebauer / Kauka Media / PPM

Winnetou in der Version Walter Neugebauers / (c) Walter Neugebauer / Kauka Media / PPM

Der aus Zagreb stammende deutsch-jugoslawische Comiczeichner und Trickfilmer Walter Neugebauer  (Valter Nojgebauer) 28. März 1921 - 31. Mai 1992  war lange Jahre Funny-Zeichner bei den Kauka-Comicproduktionen,  machte sich zu Beginn der 1970er Jahre selbständig, schuf u.a. den “Goldbär”.  Mit Winnetou gelang Neugebauer von 1963 an sein opus magnum.

 Wie dieses Beispiel aus der Lüneburger Landeszeitung,

ab 1966, insgesamt 180 Bildstreifen.

Aus: Lüneburger Landeszeitung, 1966

Aus: Lausitzer Rundschau, 1991

Oder dieses zumindest grafisch ansprechendere Beispiel, das ab Dez. 1990 in der Lausitzer Rundschau lief, ab Mai 1991 wurde es in Farbe wiederholt, in der Apothekergabe für Kinder: Medizini, insgesamt 20 Folgen. Die bekannteste Karl-May-Comic-Serie stammt aus der Feder von Helmut Nickel.  

(c) Helmut Nickel, Lehning

Mit diesem Heft beginnt der Lehning-Verlag, Hannover, im Februar 1963 die Serie (nachdem am 31.12. 1962 die Urheberschutzfrist für Karl-May-Texte abgelaufen war); sie

wird 52 vierzehntägig erscheinende Hefte umfassen und bis Februar 1965 laufen.  

(c) Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

Ab Nr. 9 wird der Serientitel in „Karl May“, geändert:

weil auch Geschichten aus den Orientreisen aufgenommen werden, gezeichnet von Harry Ehrt.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013):

Von Sept. 1964 bis Dez. 1966 erscheint eine Zweitauswertung, wieder unter dem Titel Winnetou aber mit neuem Cover.

Bilder: Aus: (c) Hugh! Winnetou. Eine Hommage an Karl May und Helmut Nickel. Kat. Comicfestival München 2011 / Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013) /

Eine holländische Ausgabe der Lehning-Heftreihe erscheint ab 1964 bei Arboris. 2011 erscheint ein Nachdruck der niederländischen Winnetou-Hefte in zwei Hardcover-Alben. Einen deutschen Nachdruck in neun Bänden im

Albenformat bringt Splitter 1989 bis 1994 heraus. Farblich noch einmal überarbeitet erscheint die Serie 2012 bei Comicplus. Stefan Dinter (*1965) zeichnete eine kurze Comicgeschichte als Hommage an Karl May, in der er von seiner Reise nach Jugoslawien zu den Drehorten der Wendlandt-Filme berichtet. Darin findet sich ein Verweis auf den Nickel-Comic. Ein Zeichen für dessen anhaltende Popularität.

Dinters Comic wurde für den Katalog Hugh! Winnetou. Hommage an Karl May und Helmut Nickel des Münchener

Comicfestivals 2011 gezeichnet, das eine umfangreiche Ausstellung zu Nickels Werk präsentierte und den 87 Jahre alten Zeichner mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk ehrte.

Abbildungen aus: (c) Hugh! Winnetou. Eine Hommage an Karl May und Helmut Nickel. Kat. Comicfestival München 2011

Karl May- und Winnetou-Hommage von Stefan Dinter / (c) Stefan Dinter

In diesem Katalog findet sich auch ein Vorschlag von

Ulf Graupner: Das ist schon längst mal fällig. Er regt an, als Hommage an Nickel eine Buch-Neuausgabe seiner Comic-Serie in der gleichen Cover-Ausstattung wie den Textausgaben im Karl-May-Verlag herauszubringen.  

Hugh! Winnetou. Eine Hommage an Karl May und Helmut Nickel. Kat. Comicfestival München 2011 / Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 Und das wurde dann auch tatsächlich realisiert. 2012 erscheint Winnetou. Bd. 1. von Helmut Nickel im damals Hildesheimer  (heute Leipziger) Verlag comicplus – in der Umschlag-Ausstattung gemäß den bekannten Büchern des Karl-May-Verlages, in limitierter Auflage von 1000 Exemplaren. Der Band 2 erscheint noch im gleichen Jahr, Band 3 im Jahr 2013.

Helmut Nickel wurde am 24.3.1924 in Quohren, südlich von Dresden, geboren. Er ist somit ein Landsmann des Sachsen Karl May. Nach Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft kommt er zunächst wieder nach Dresden, flieht 1949 nach West-Berlin und nimmt an der FU Berlin das Studium der Kunstgeschichte,

Ethnologie und der präkolumbianischen Kultur auf. Er schließt 1958 mit einer Dissertation über das mittelalterliche Reiterschild des Abendlandes, ab. Er arbeitet dann als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin, bis er 1960 als Kurator für Waffen und Rüstungen nach New

York ans Metropolitan Museum berufen wird.

Schon als Student zeichnet Helmut Nickel mit Begeisterung nebenher Comics. Am bekanntesten ist seine von Willi Kolhoff ab Heft 22 übernommene Serie Robinson (eine freie Adaption von Defoes Robinson Crusoe, 1955 – 1958) im Gerstmeyer-Verlag. Nickel schickt seinen Helden mit neuen Abenteuer rund um den Globus, wobei der Ethnologe Nickel viel Wissenswertes aus den Kulturen anderer Völker einbaut. Die Serie wurde abgebrochen. Nickel lässt sich von Fans überreden, die Serie mit einem letzten Heft zum Abschluss zu bringen. Robinson Nr. 126, Der letzte Schiffbruch, erscheint 2015 im Ewald-Verlag (Ingraben). (Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang auf das lesenswerte Buch von Detlef Lorenz: Das Logbuch des Robinson Crusoe. Barmstedt 2015.)

Helmut Nickel: Robinson (Gerstmeyer) /

Für den Lehningverlag kreiert Nickel von 1958 bis 1960 in dessen Jugendschrift Harry u.a. die Serie Peters seltsame Reisen. (Ein Nachdruck erschien 2011 bei Salieck, Wattenheim.)

Aber auch in New York zeichnet Nickel nebenher weiter und schickt seine Comic-Seiten nach Hannover. Im Februar 1963

erscheint das 1. Heft der Winnetou-Reihe.

Die Leser der Bände aus dem Karl-May-Verlag oder der Taschenbücher aus dem Überreutherverlag kennen die Texte nur illustrationsfrei, sind gewohnt, sich mit den durch die Beschreibungen angestoßenen Vorstellungsbilder zu begnügen – was bei manchen zu Visualiserungsvorbehalten führt. Zu bedenken ist, dass diese Vorstellungsbilder mit  konventionellem, typenhaftem Bildwissen korrespondieren,

das seine Bestätigung, z. T. auch eine Erweiterung, durch die visuelle Einstimmung der Deckelbilder findet. 

Wie eine kleine Auswahl zeigen kann, sind die Deckelillustrationen mal mehr, mal weniger an Figuren- und Landschaftsbeschreibungen sowie Szenen aus den Texten

angelehnt. Signalhaft sorgen sie für den Aufbau einer entsprechenden Erwartungshaltung. Vor allem die Personenbeschreibung und –Charakterisierung sind für die Mayschen Texte wichtig und damit auch auf für Karl-May-Illustrationen.

Unsere Vorstellung vom Indianer basiert auf einem kollektiven Vorstellungsbild, wie es sich immer wieder vergleichbar zeigt.

Aus: (c) Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

Neben den Kriegerbildern haben zahlreiche Porträts, die die kulturellen Eigenheiten signifikant herausstellen, das Bild vom stolzen Roten Mann vermittelt, wie hier z. B. 20a: Wa-na-ta, Sioux 1826 (nach James Otto Lewis, Öl/Leinwand, 99 x 69 cm)

oder dieses Fotoporträt eines anonymen Fotografen von 1858 (20b). Charles Bird King (nach James Otto Lewis),1826

oder diese Fotografie von 1858.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013):

Die Zeichnung Nickels (aus Winnetou I) ist dabei recht nah an der Mayschen Beschreibung: „Der jüngere [Indianer] war genauso gekleidet wie sein Vater, nur dass sein Anzug zierlicher gefertigt war. Seine Mokassins waren mit Stachelschweinborsten und die Nähte seiner Leggins und des Jagdrocks mit feinen, roten Zierstichen geschmückt. Auch er trug den Medizinbeutel am Hals und das Kalumet dazu….Er trug ebenfalls den

Kopf unbedeckt und hatte das Haar zu einem helmartigen Schopf aufgebunden (…), aber ohne es mit einer Feder zu schmücken. Es war so lang, dass es dann noch reich und schwer auf den Rücken niederfiel…“ (Karl May, Winnetou I, S. 59)

Hermesmeier, Wolfgang/ Schmatz, Stefan: Traumwelten. Bilder zum Werk Karl Mays. Bamberg, Radebeul: Karl-May-Verlag Bd. I 2004., Bd. II 2007 / Filmplakat Winnetou. Teil 1. Dt. Erstaufführung 11.12. 1963, aus: Pantel, Volker/Christ, Manfred: 444 Filmplakate. Bergatr4eute: Verlag Wilfried Eppe 1993, S.246

Wie man im Vergleich sehen kann, orientierte sich Nickel am Text wie an dieser Illustration (rechts) von Hellmuth Eichrodt von 1907.Die Eichrodt-Illustration fand weiterhin Verwendung als Deckelbild von Der Schatz im Silbersee (Stuttgart:Union 1910), Der Schatz im Silbersee (Radebeul: Karl-May-Verlag 1913) und Winnetou (Radebeul: Karl-May-Verlag  

1927). Andere Winnetou-Darstellungen folgen mehr oder weniger Mays Beschreibung, zielen stets darauf, den Apatschen-Häupftling als einen stolzen, edlen Mann zu präsentieren:

Karl May-Fotocomic (c) Gong 45/ 1980

Wie hier das Deckelbild von Winnetou I  aus dem Karl May-Verlag, Bamberg 1960.

Zur Ikone Winnetou wurde der Schauspieler französische Pierre Brice. Teil 1 der deutschen Erstaufführung am 11.12. 1963 (u.a. mit Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand; 1962 produziert von Horst Wendlandt, Rialto-Film).

 Brice-Winnetou  zierte Illustriertentitelbilder. Aus Szenenfotos des Films wurde ein Fotocomic (Gong 45/1980) zusammengestellt.

Elf Winnetou-Filme, zahlreiche TV-Versionen, Auftritte bei den Karl-May-Festspielen in Elspe und Bad Segeberg führten zu einer großen Popularität, die bis heute anhält, wie die Trauerfeier in München zum Abschied von dem am 6.6.2015 im

Alter von 86 Jahren gestorbenen Schauspieler zeugt, zu der hunderte von Menschen kamen.  

Wie die Bilder zeigen, war man bemüht, auch visuell Winnetou als edlen, heroischen Charakter darzustellen.   

 

Winnetou-Kinofilm-Ikone Pierre Brice (1929-2015): Titelheld der Boulevard-Medien wie "Bild und Funk" oder "Gong" / (c) Bild und Funk / (c) Gong / Pierre Brice-Starschnitt in der Zeitschrift "Bravo" 1964

Das verträgt freilich keine Ironie, wie z. B. diese (wohl unfreiwillige) Karikatur des Wiener Studenten Theodor Wohlmuth. Als er sie 1910 Karl May vorlegte,

wertete dieser die Zeichnung als kontraproduktiv und lehnte sie ab: sie wirke eher lächerlich und zerstöre das intendierte Pathos Winnetous.  

Theodor Wohlmuth (Wiener Student), 1910  aus: Michael Petzel/ Jürgen Wehnert (Hg.): Karl-May-Welten II. Bamberg, Radebeul: Karl May-Verlag 2006, 62

Das Winnetou-Bild von Klaus Dill (1990) dagegen hätte Karl May sicher gefallen. Es wird dem Anspruch auf eine pathetisch-wirkungsvolle Darstellung eher gerecht.

Klaus Dill: Tomahawk und Friedenspfeife. Bilder für Karl May. Bamberg, Radebeul 2001

 Die Szenenillustration soll dann Winnetou als Akteur anschaulich charakterisieren – so wie hier die Illustration des Tschechen Zdeněk Burian (1905 – 1981), der Winnetou in Aktion zeigt, in der der Rolle als der tapfere, draufgängerische, verwegene Held, der wilde stolze Kämpfer.

Hermesmeier, Wolfgang/ Schmatz, Stefan: Traumwelten. Bilder zum Werk Karl Mays. Bamberg, Radebeul: Karl-May-Verlag Bd. I 2004., Bd. II 2007

Seine andere Seite, Winnetou als besonnener, weiser Lehrer, der eher den Frieden denn den Kampf im Sinn hat, zeigt uns Claus Bergen mit seiner Illustration aus Winnetou II, 1908.

 Dieses Winnetou-Bild hat der späte Karl May vornehmlich im Blick, wenn er den Symbolisten Sascha Schneider bittet, Deckelbilder für die neue Fehsenfeld-Ausgabe zu malen.

Hermesmeier, Wolfgang/ Schmatz, Stefan: Traumwelten. Bilder zum Werk Karl Mays. Bamberg, Radebeul: Karl-May-Verlag Bd. I 2004., Bd. II 2007

Hugo Höppener (Fidus): Lichtgebet, 1894. Öl/Lw, 150 x 100, Berlin, Dt. Hist. Museum, in: Erhardt, Ingrid/ Reynolds, Simon (Hg.): SeelenReich. Die Entwicklungt des deutschen Symbolismus 1870 – 1920. München: Prestel 2000, S. 75

 1904 entsteht der Entwurf für „Winnetou III“, das den Indianerhäuptling als nackte schwebende Lichtgestalt zeigt. Wie im Vergleich zu sehen, ist diese Interpretation dem Pathos von Hugo Höppener (i.e. Fidus) Lichtgebet (1894.

Öl/Lw, 150 x 100) und seiner Ideologie verwandt. Wie dieses als

Farblithographie weit verbreitete Gemälde, charakterisiert Schneider Winnetou als vergeistigten Edelmenschen, der zum Licht (das weiße Lichtkreuz lässt das Motiv der christlichen Himmelfahrt anklingen) aufsteigt und symbolisch die

Adlerfeder (Sinnbild seiner irdischen Natur sowie der niederen

Zivilisationsstufe) zurücklässt – eine Interpretationsvorgabe, die ganz Mays neuer Intention entsprach  Winnetou symbolisiert den Edelindianer, wie ihn Emanuel Leutzes Gemälde „Der letzte

Mohikaner“ (1850. Öl/Lw, 98 x 65 cm) schon anklingen lässt. Leutze repräsentierte an der Akademie Düsseldorf zusammen mit Carl Wimar das Thema Wilder Westen/ Indianer. Er schuf

mit diesem Bild die nachhaltige Ikone des Indianers schlechthin. Der Titel bezieht sich auf die Erzählung von James Fenimore Cooper (1826, im gleichen Jahr ins Deutsche übersetzt und überaus populär). Leutze zeigt ihn in aufrecht-stolzer Haltung,

in standbildgleicher Pose auf podestähnlichem Felsvorsprung, der melancholische Blick auf das unter ihm liegende Land gerichtet, das symbolträchtig im Abendrot versinkt. Er ist der

Letzte seines Volkes, Repräsentant der nach tapferer Gegenwehr unabänderbar sterbenden Rasse – so wird er auch zum Sinnbild für die unerfüllt gebliebene Ziele der deutschen Revolution von 1848 und damit zum Identifikationsbild für die Deutschen, Grundlage für Sympathie und Verfestigung eines positiv besetzten Indianerbildes. In dieser Aura wird Winnetou für Karl May zum Exempel seiner Vorstellung einer kulturellen Evolution. Wie Peter Bolz (2008) in seinen Ausführungen zur Differenzierung von „Edler Wilder“ und „Edelmensch“ ausführt, neigt auch Karl May zu der damals gängigen Auffassung, die Rote Rasse sei nur zu retten, wenn sie zivilisiert würde – also an der europäisch-weißen Kultur und christlichen Religion teilhabe und so integriert werde.

(c) Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 Signifikant, dass der Lehrer der Apatschen, Klekhi-Petra, ein Deutscher ist, den die Revolution von 1848 nach Amerika verschlagen hat und der sich hier zur Aufgabe gemacht hat, als Erzieher die Indianer zu zivilisieren. Interessant dabei ist,

wie Schmiedt schildert (2011, S. 295), dass im Text der ehemalige Revolutionär seine politische Vergangenheit beklagt, in späteren bearbeiteten Fassungen – dem Zeitgeist geschuldet – zugleich die der Vernunft verpflichtete Idee der Aufklärung abgeurteilt wird. Im Überreuther-Taschenbuch heißt es: „Wie viele Seelen habe ich gemordet…In mir hatten die Ideen der Aufklärung Wurzel geschlagen. Meine Göttin hieß  Vernunft. Mein größter Stolz bestand darin, Freigeist zu sein…“ (S. 68) Nickel dagegen setzt seinen eigenen Akzent, der den

Vorstellungen der 1960er Jahre entspricht: „Ich musste fliehen“, sagt Klekhi-Petra, „weil ich einer der Führer jener glücklosen Revolution war… und da ich mich immer auf die Seite derer geschlagen habe, denen Unrecht geschieht, so ging ich zu den roten Männern... So wollte ich den so hoffnungslos

unterlegenen Indianern in ihrem Verzweiflungskampf beistehen und ihnen zu helfen versuchen, die drohende Vernichtung zu überleben, indem ich ihnen Wege und Möglichkeiten zeigte, sich in die andringende, gänzlich andere Umwelt zu fügen, ohne ihr Eigenleben aufzugeben.“

Der Prozess der Zivilisierung spiegelt sich u.a. darin, dass May die Apatschen auf Initiative Klekhi-Petras hin in Pueblos hat ansässig werden lassen – ein Schritt weiter auf der Zivilisationstufe gegenüber den Zeltnomaden, die sie (historisch) eigentlich waren.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 Nickel  stellt die Pueblos dar, wie sie heute noch teilweise bewohnt im nördlichen Mexiko aber auch in den USA, in New Mexico und Arizona, dem Spielplatz der Winnetou-Geschichte, existieren.

Zur Information seiner jungen Leser schiebt der Ethnologe Nickel eine Informationsseite über die Behausungen der Indianer ein, wie an anderen Stellen weiterführende Informationen z. B. über die Bedeutung der Medizin oder des Federschmucks. Foto: wirklichkeitsgetreu./ Foto: Pueblo/ Foto: Reise Nickels

mit seiner Frau zu „Montezumas Castle“, das gemeinhin als Vorbild von Winntous Pueblo gilt.

Im Geiste mit Klekhi-Petra einig stellt sich auch Old Shatterhand auf die Seite der gerechten Sache der Roten Menschen – was seinen stärksten Ausdruck in der Blutsbrüderschaft zwischen Winnetou und ihm findet.

Blutsbrüder Winnetou und Old Shatterhand... / (c) Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 Im Text Karl Mays (Winnetou I, S. 208) heißt es: „Also eine Blutsbrüderschaft, eine richtige, wirkliche Blutsbrüderschaft, von der ich so oft gelesen hatte! Sie kommt bei vielen wilden oder halbwilden Völkerschaften vor…“ Tatsächlich ist sie nicht unter nordamerikanischen Indianern nachgewiesen. Sie ist allerdings

ein bekanntes germanisches Ritual, das noch bis ins frühe Mittelalter hinein praktiziert wurde. 

Das Cover des Heftes illustriert die prägnante Szene, die, wie auch hier in dieser Illustration von Klaus Dill, wenn man so will, die Germanisierung Winnetous besiegelt.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 Die Bildfolge schildert den Geschehensprozess und demonstriert, dass die Visualisierung im Comic eine eigene Qualität und Funktion hat. Während Illustrationen vom Text abhängig sind, ihn veranschaulichen, erweitern, ja

interpretieren können, aber doch stets fakultativ bleiben, sind die Bilder der Bildgeschichte obligatorisch und autonom – sie tragen das Geschehen. Die Geschichte wird nicht berichtet, sie wird gezeigt. Dabei ist zu beachten, dass Adaptionen keine einfachen Übertragungen einer Texterzählung sind, sondern

Transformationen in ein anderes ästhetisches System.

Nickels Comic trägt den Zusatz „nach der Reiseerzählung von Karl May“. So textnah der May-Kenner Nickel auch bleibt, der Comic ist eine Bearbeitung gemäß den Möglichkeiten und Anforderungen der Kunstform Bildgeschichte:

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

Der Band I der Nickelschen Winnetou-Buchausgabe umfasst die Hefte 1 – 9, eine konzentrierte Zusammenfassung der Winnetou-Triologie. Die drei Comicbände entsprechen also nicht der Winnetou-Trilogie der Textbücher, sondern versammeln unterschiedliche Geschichten.

Der Band Winnetou II entspricht dem Text-Buch Unter Geiern, umfasst die beiden Episoden Geist des Llano Estacado und Der Sohn des Bärenjägers, deren Reihenfolge gegenüber der Textversion vertauscht wurde, was im Comic aber inhaltlich durchaus logisch erscheint.

Band III enthält dann die Geschichte vom Schatz im

Silbersee. Der Comic wurde von Nickel abgebrochen (es gab Unstimmigkeiten mit dem Verlag, der wohl nicht mehr zu seinen Honorarzusagen stand) und wurde dann von Harry Ehrt zum Ende gebracht, der sich, wenn auch nicht voll geglückt,

mühte, den Stil von Nickels weiterzuführen.

 In gleicher Aufmachung wie die Nickel-Bände erschienen im

Leipziger Verlag comic plus auch zwei Bände Winnetou (Bd. 1: 2013, Bd. 2: 2015) des spanischen Zeichners Juan Arranz - herausgegeben von Eckart Sackmann und Horst-Joachim Kalbe. Beide Bände sind im Alben-Format erschienen. Band 1 enthält den Stoff der "Winnetou"-Trilogie nach der holländischen Ausgabe der 1960er Jahre, die bei uns in dieser Form nicht erschienen ist. Band 2 adaptiert "Unter Geiern" und "Der Schatz im Silbersee".

Juan Arranz'  Winnetou-Version / Bibliophile Gesamtausgabe im Leipziger Verlag comicplus+ (c) Juan Arranz & comicplus+

Eine Adaption, ob Film, Theater oder Comic, ist dann sinnvoll und legitim, wenn sie auf ihre Weise inhaltlich unverfälscht Charakter und Intention der Texterzählung aufgreift und der Geschichte eigene bereichernde Akzente gibt. Im

Falle des Comics ist das vornehmlich die Visulisierung in Form einer statischen Bildfolge, die den Betrachter animiert, das Gezeigte im Kopf zu einem Prozess zu verbinden und zu verlebendigen. Was die Bildgeschichte leistet, ist, wie schon Goethe treffend formulierte, die „Erzählung vor Augen zu stellen“. Das beginnt mit der visualisierenden Charakterisierung der Akteure, deren Spielrolle erfassbar und akzeptiert werden muss.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013):

 Nickel zeigt uns anschaulich den Protagonisten, wie er sich vom Greenhorn, dem noch unbedarften Landvermesser, zum selbstbewussten tapferen Westmann Old Shatterhand entwickelt.

Dabei sind die Vorbilder Nickels nicht verkennen: zunächst einmal Nickels eigene Figur Robinson. Weiterhin orientiert er sich an den Beschreibungen Karl Mays, und so

ist es nicht wenig überraschend, dass es Anklänge auch an die fotografischen Selbstpräsentation Karl Mays gibt, wie auch zum Filmhelden Old Shatterhand, verkörpert von Lex Barker. (Wobei interessant ist, dass Nickel den Comic gezeichnet hat, bevor der

den Film sehen konnte!) Old Shatterhand präsentiert den Typus des lauteren, tapferen Trappers, sichtbar im Maskenspiel des Comic: die Visualisierung markiert erkennbar die Rolle des

Akteurs, die sich dann auch im Verhalten zeigt.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013) / Helmut Nickel: Robinson (Gerstmeyer) / Filmszene Old Shatterhand-Darsteller Lex Barker (c) Constantin Film

 Auch die Gegenspieler werden visuell charakterisiert, wie hier der Schurke Santer. Aber Nickel nutzt kein simples Klischee; die Verhässlichung (sonst gerne als Mittel der negativen Kennzeichnung eingesetzt, um die Rolle ablesbar zu machen) zeigt sich hier nur in der Mimik – als visuelles Indiz für den kriminellen Charakter des Mörders von Intschu-schuna und Winntous Schwester Nscho-tschi Wie gesagt, die Comic-Buchausgabe Winnetou I umfasst die in 9 Heften erzählte Geschichte der Winnetou-Triologie, konzentriert auf die Verfolgung Santers. So entsteht zwar keine 1:1-Übersetzung der Mayschen Texte, wohl aber ein in sich stimmiges, spannendes Abenteuer, das die Kerngeschichte Mays anschaulich präsentiert. Dabei ist anzumerken, dass auch die Mayschen Geschichten Bearbeitungen unterworfen wurden. May selbst hat die Texte, die ja zunächst für Periodika, für Zeitschriften und Kalender resp.  Lieferungshefte, geschrieben waren, für die ab 1890 bei Union und dann vor allem bei Fehsenfeld im Medium Buch erschienenen Fassungen bearbeitet.

So ist die Winnetou-Triologie aus alten und neuen Texten zusammengesetzt. Die Ausgaben des Karl-May-Verlages haben immer wieder Bearbeitungen erfahren, so dass Schmiedt feststellt: „Die große Mehrheit der Karl-May-Leser hat – ohne es zu wissen – diesen Autor über Texte kennen gelernt, die bei auch nur halbwegs skrupulöser philologischer Betrachtung gar nicht als von ihm verfasst gelten können.“ (Schmiedt 2011, S. 298)

Wenn also Nickel eine Bearbeitung vorlegt, so hat das durchaus Tradition.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 

Einige Aspekte der Comic-Version seien aufgezeigt:

Textnah zeigt uns Nickel, wie Old Shatterhand den Tod von Intschu tschuna und Nscho tschi miterleben muss.

Während im Text der Büchsenmacher Henry schon auf den ersten Seiten auftaucht, begegnet wir ihm bei Nickel erst

später – narrativ bedeutend, denn er schenkt Old Shatterhand den berühmten mehrschüssigen Henry-Stutzen, gemäß der Episode, wie sie im Textbuch Winnetou II erzählt wird.

Die gravierendste Änderung bei Nickel: Winnetou stirbt nicht, sondern ist nur schwer verwundet – eine Maßnahme, die natürlich der Intention geschuldet ist, über diese Geschichte

hinaus die Winnetou-Serie fortzuführen. (Interessant ist, dass der Filmtod Winnetous zahlreiche erbitterte Proteste des Publikums provoziert hat.) Da der später nachgeschobene Band Winnetou 4, der dem Vermächtnis des Edelmenschen und dem Friedensgedanken gewidmet ist, in Nickels Fassung  unberücksichtigt bleibt, ist diese Änderung letztlich wenig

bedeutsam, denn auch der Verwundete kann nicht mehr ins Geschehen eingreifen.

So wird die Geschichte um die Verfolgung Santers und dessen schließliches Ende ganz dem Tenor der Texterzählung folgend erzählt.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 Wesentliche  Änderung ist natürlich die Erzählperspektive. Der Erzähler des Comics ist nicht – wie im Text Mays – ein Ich-Erzähler; er ist im eigentlichen Sinne gar kein Erzähler, sondern ein Zeiger, der den Rezipienten – den Betrachter der Bilder

und Leser der Sprechblasen und wenigen Beitexte – zum Zeugen eines gegenwärtigen Geschehens macht.

Der Rezipient hat die Aufgabe, die Standbilder zu einer bewegten Aktion zu verbinden. Dabei verlangt die enge Bildfolge keine konzentriert bewusste Deutungsarbeit, um die Leerstellen zwischen den Bildern zu füllen – die rasche

Aktion als Darstellung des Bewegungsprozesses bietet ein animierendes visuelles Material, das unmittelbar dazu führt, dass der Betrachter im Kopf einen Film konstruiert, der ihn in Nähe des Gezeigten aktiv beteiligt und so einbezieht. Perspektivwechsel, das Spiel mit Nähe und Distanz, mit Farbe und Hell/Dunkel, offene, auf Spannung angelegte Szenen bieten immer wieder ein emotional-betontes Identifikationsangebot.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 Humorvolle Elemente der Geschichte werden durch einen leicht karikierenden Stil hervorgehoben, wie in dieser Szene (Winnetou I, S. 79), die Sam Hawkins komisch-tragisches Erlebnis zeigt, bei dem die enttarnte Perücke ihn vor einer möglichen Heirat bewahrt.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 Noch stärker als bei der Illustration ist die Landschaft, der Handlungsort im Comic von Bedeutung. Während der Text nur ein trennendes Nacheinander von Ortsbeschreibung und hier stattfindender Handlung bieten kann, verschmilzt die

Bildgeschichte Handlung und Handlungsort zu einer simultan wahrnehmbaren Einheit.

Nickel nutzt die Chance der Visualisierung, den Handlungsort eindrucksvoll als dramaturgisch wichtiges  Element einzubeziehen und ihn darüber hinaus in topografischer Genauigkeit zu präsentieren – in einer Anschaulichkeit, die deutlich über die Wort-Beschreibung hinausgeht.

Andererseits hält sich Nickel – den Bedingungen der Erzählung Mays geschuldet – auch an dessen Vorgabe, wenn er den Llano Estacado als wasserlose, kakteenbewachsene Wüste schildert, in der – so die Geschichte vom Geist des Llano Estacado – Verbrecher Pfähle versetzen, um so Reisende in die Irre zu führen. Tatsächlich handelt  es sich hier im südöstlichen Teil New Mexicos und dem nordwestlichen Teil von Texas, wie das

Foto zeigt, um eine Hochgrassteppe,  relativ flaches baumloses und trockenes Tafelland. In dieser von May geschilderten – tatsächlich nicht existierenden Wüste (auf diesen Fehler weist auch Schmiedt, S. 327, hin) – kämpft der Geist des Llano estacado gegen die Banditen. May schildert, wie ihn nachts die Trapperfreunde als Geistererscheinung erleben: „…die

fremdartige Lichterscheinung [bildete] jetzt einen gewaltigen Halbkreis am südlichen Himmel. Da, wo der Bogen dieses Halbkreises links auf dem Himmelsrand lag, tauchte jetzt plötzlich die Gestalt eines riesigen Reiters auf. Das Pferd

war schwarz, der Reiter weiß. Er hatte die Gestalt eines Büffels. Man sah ganz deutlich den Kopf mit den beiden Hörnern, den Nacken mit der struppigen, halblangen Mähne, die hinterher flatterte, un den Leib, der sich schließlich mit dem Hinterteil des Pferdes vereinigte. Die Umrisse dieses Bildes waren von

funkelnden Linien eingefasst.“ (zit. Taschenbuchausgabe Unter Geiern, S. 264) 

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

 Nickel setzt die Erscheinung des Geistes des Llano Estacado eindrucksvoll ins Bild. Und wie im Text (Taschenbuch S. 266) weiß dann aber Old Shatterhand die Erscheinung zu erklären: als Luftspiegelung.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

Die Visualisierung erlaubt orientierende Überblicke, was Handlungsstrategien anschaulich erklärt sowie Orientierungshilfe gibt.

Schmiedt weist darauf hin, dass May für seine Beschreibungen von Landschaft, Kultur, Sitten, Gebräuchen etc. intensive Quellenrecherche betrieben hat und die geschickt zu nutzen wurde.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

Um lebendige und getreue Darstellung bemüht, orientiere sich auch Nickel an Vorlagen, u.a. an dem Bildband The American West von Lucius Beebe und Charles Clegg (1955).

 

Cover: Beebe, Lucius/ Clegg, Charles: The American West. The Pictiorial Epic of a Continent. New York: Bonanza Books 1955

Beispiele finden sich zum Motiv der Bärenjagd  oder der Bisonjagd. Die ist die Nahrungsgrundlage der Prärieindianer. Anklagend schreibt May in Winnetou I: „Der Weiße aber hat unter den ungezählten Herden gewütet wie ein grimmiges Raubtier, das auch dann, wenn es gesättigt ist, weiter mordet, nur um Blut zu vergießen. Wie lange wird es dauern, so gibt es keinen Büffel und dann nach kurzer Zeit auch keinen Indianer mehr.“ (S. 35)  Und in Winnetou III berichtet er von Gesellschaften, die Bahnzüge mieteten, um dann „aus reiner Mordlust“ in die Bisonherden hineinschossen.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013) /  Beebe, Lucius/ Clegg, Charles: The American West. The Pictiorial Epic of a Continent. New York: Bonanza Books 1955

Nickel greift diesen Aspekt auf und baut ihn in seine Geschichte ein. Auch dabei dürfte er sich auf Bilder aus Beebe/Clegg bezogen haben. Hier (siehe Bildkasten) eine Szene, die Nickel als Vorstellungbild seiner Rezipienten anbahnt, wie sie dann drastisch in einem zeitgenössischen Stich präsentiert wird: das Abschlachten der Tiere vom Zug aus.

Nickel nutzt die Visualisierungs-Chance, quasi nebenher zahlreiche ethnisch-kulturelle und historische Informationen zu vermitteln.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

Beebe, Lucius/ Clegg, Charles: The American West. The Pictiorial Epic of a Continent. New York: Bonanza Books 1955

So sind die Planwagen, die er zeichnet, zeitgenössischen Bildvorlagen angelehnt, die zeigen, wie die Siedlertrecks in den „Wilden Westen“ aufbrechen.

 Andere Bilder zeigen die Kleidung der Indianer, ihre Tipis, Kultgegenstände, Schmuck und anderes mehr.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3 (2013)

Beebe, Lucius/ Clegg, Charles: The American West. The Pictiorial Epic of a Continent. New York: Bonanza Books 1955

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3  (2013) / Beebe, Lucius/ Clegg, Charles: The American West. The Pictiorial Epic of a Continent. New York: Bonanza Books 1955

Nickels Winnetou ist eine spannende, lebendige Bildgeschichte, die eindrucksvolle, stimmungsvolle Bilder kreiert, die unserem romantischen konventionellen Indianerbild entsprechen, wie es auch May genutzt und weitergesponnen hat. Er trifft den Geist der Mayschen Erzählung recht genau.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3  (2013)

Wie es die Bilder zeigen, die Winnetou, den Edelmenschen, auf seinem Ross Iltschi in voller Würde in seiner von Karl May entworfenen Pathos-Rolle eindrucksvoll und einprägsam präsentieren.

Nickel, Helmut: Winnetou. Ausgabe Hildesheim: Comicplus, Bde. 1, 2 (2012), Bd. 3  (2013)

Will man in den Karl Mayschen Texten mehr als spannende Jugendlektüre sehen – will man etwa im Sinne Arno Schmidts oder Werner Bergengruens auf einen „höheren Punkt“ des Verständnisses gelangen, so sei auf Helmut Schmiedts Urteil verwiesen:  „Vermutlich ist es schwierig, auf den höheren Punkt zu gelangen, wenn einem nicht zuvor einmal das Glück des naiven May-Genusses beschieden war.“ (Schmiedt 2011, S. 323)

 Die Comic-Adaption Helmut Nickels kann uns dieses Glück bescheren.

 

Dietrich Grünewald

Literatur:

Beebe, Lucius/ Clegg, Charles: The American West. The Pictiorial Epic of a Continent. New York 1955

 Beneke, Sabine/ Zeilinger, Johannes (Hg.): Karl May. Imaginäre Reisen. Kat. Deutsches Historisches Museum Berlin 2007

 Bolz, Peter: Winnetou – Edler Wilder oder Edelmensch? Karl Mays Indianerbild vor dem Hintergrund des kulturellen Evolutionismus. In: Roxin u.a. 2008, S. 113 - 124

 Grünewald, Dietrich: Transformierte Fantasie. Was Bilder dem Leser von Karl-May-Werken bieten (können). In: Roxin u.a. 2008, S. 175 – 198

 Hugh! Winnetou. Eine Hommage an Karl May und Helmut Nickel. Kat. Comicfestival München 2011

 Kalbe, Horst-Joachim: Helmut Nickels „Winnetou“ – ein illustrierter Klassiker. In: Eckart Sackmann (Hg.): Deutsche Comicforschung 2008 (Band 4). Hildesheim 2007, 125ff.

 Kalbe, Horst-Joachim: Helmut Nickels wirklich werkgetreuer Winnetou. In: Helmut Nickel: Winnetou. Bd. II. Hildesheim: comicplus 2012, 199 - 213

 Kalbe, Horst-Joachim: Helmut Nickels nicht gehobener Schatz. In: Helmut Nickel: Winnetou. Bd. III, Hildesheim: comicplus 2013, 191 - 204

 Kort, Pamela/ Hollein, Max (Hg.): I Like America. Fiktionen des Wilden Westens. Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt/M., München 2006

 Kramer, Thomas: Micky, Marx und Manitu. Berlin 2002

 Lorenz, Detlef: Helmut Nickel. In: Helmut Nickel: Winnetou. Bd. II. Hildesheim: comicplus 2012, 217 - 223

 Petzel, M.: Karl-May-Filmbuch. Stories und Bilder aus der Traumfabrik. Bamberg/ Radebeul 1998

 Roxin, Claus/ Schmiedt, Helmut / Vollmer, Hartmut / Zeilinger, Johannes (Hg.): Jahrbuch der Karl- May-Gesellschaft 2008. Husum 2008

 Schmiedt, Helmut: Karl May oder Die Macht der Phantasie. München 2011

 Schmiedt, Helmut: Karl May-Filme. In: Roxin, Claus u.a.: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2006. Husum 2006, S. 309 - 312

 Winkler, Thomas: Im Dickicht der Comics. In: Jürgen Wehnert/ Michael Petzel (HG): Karl-May-Welten. Bamberg, Radebeul 2005

 

Internet: www.comicguide.de

 Fotoromane: http://karl-may-wiki.de/index.php/Fotoromane

Leicht gekürzte, redigierte Fassung eines Vortrags auf der Tagung "Der Kanon der Populärkultur", gehalten Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, 17.07.2015, aus Anlass der Verabschiedung von Prof. Dr. Helmut Schmiedt, dem 2. Vorsitzenden der Karl-May-Gesellschaft, in den Ruhestand.(c) Dieser Fassung: Dietrich Grünewald & Comicoskop 2016

Unser COMICOSKOP-Autor:

Prof. Dr. Dietrich Grünewald (em.),   international  renommierter Comicforscher und -theoretiker ("Prinzip Bildgeschichte"), lebt in Reiskirchen bei Gießen

Dietrich Grünewald, Jahrgang 1947, Univ.-Prof. Dr. phil. habil., Studium Lehramt Deutsch, Kunst, Universität Gießen, Promotionsstudium Kunstwissenschaft, Germanistik, Promotion 1976, 2. Staatsexamen 1977, Lehrer, 1977 – 1990 Lehrbeauftragter (Bildgeschichte) am Institut für Jugendbuchforschung, Universität Frankfurt/M., 1978 Wiss. Ass. Universität Dortmund, Institut für Kunst und ihre Didaktik, Habilitation 1980, 1986 apl.-Prof., 1995 Prof. für Kunstwissenschaft und Kunstdidaktik, Institut für Kunstwissenschaft, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz, ab 1. 4. 2013 pens., 1986 – 1990 Bundesvorsitzender des BDK, Mitherausgeber von Kunst + Unterricht (bis 2013), im Februar 2005 Initiator, Gründungsmitglied und Gründungspräsident der ComFor (deutschen Gesellschaft für Comicforschung), deren 1. Vorsitzender er von 2005 bis 2013 - acht Jahre lang - war (siehe www.comicgesellschaft.de).  Publikationen im Bereich Kunstdidaktik, Kunstwissenschaft, Bildgeschichte, Comicforschung, Karikatur u.a., Herausgeber und Mit-Autor der Schulbuchreihe Kunst entdecken (Berlin). Entwickelte die Theorie des Prinzips Bildgeschichte. Veröffentlichungen zum Thema Comic und Bildgeschichte: U.a. .Wie Kinder Comics lesen: eine Untersuchung zum Prinzip Bildgeschichte, seinem Angebot und seinen Rezeptionsanforderungen sowie dem diesbezüglichen Lesevermögen und Leseinteresse von Kindern, Frankfurt am Main, 1984;Vom Umgang mit Comics, Berlin 1991;Vom Umgang mit Papiertheater, Berlin 1993;Comics, Tübingen 2000;Politische Karikatur: zwischen Journalismus und Kunst, Weimar 2002, (Hg.): Struktur und Geschichte der Comics Bochum 2010.

Die Karl May-Comics erscheinen neu als Werkausgabe in einer bibliophilen, gelungenen Neu-Edition im Leipziger Verlag comicplus+, Sackmann & Hörndl. Cover: (c) Helmut Nickel & comicplus+

Karl May (1842 - 1912) - Ein Meister der Abenteuer-Fiktion

KARL MAY 1907 / Foto (rechts): (c) Erwin Raupp

 

Karl Friedrich May wurde am 25. Februar 1842 in Ernstthal (in Sachsen, Landkreis Zwickau) geboren, er starb am 30. März 1912 in Radebeul, zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, im Jahr, als die TITANIC sank; er stammte aus einer bitter armen Weberfamilie, hieß eigentlich Carl Friedrich May. Lag in seiner Jugendzeit wegen Diebstahls, Betrugs etc. immer wieder mit dem wilhelminischen Obrigkeitsstaat im Clinch. Ein Leben zwischen Zechprellerei und Zuchthaus. Den halbseidenen Ruf wurde er nie ganz los... Karl May avancierte trotz alledem zu einem produktivsten, populärsten und meistgelesenen Autoren von Abenteuerromanen deutscher Zunge. Man könnte sagen: Die Deutschen ließen sich gern von ihm belügen. Karl May schuf einen erfundenen Mythos vom Wilden Westen, obschon er diesen nie selbst gesehen hatte. Erst 1908 - lange nach Erscheinen seiner Erzählungen - sah er ein einziges Mal Amerika mit eigenen Augen. Das tat seiner Beliebtheit indes keinen Abbruch: Nicht umsonst gilt May als einer der meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache. Der UNESCO zufolge gehört er zu den am häufigsten übersetzten deutschen Schriftstellern überhaupt. Die weltweite Auflage seiner Werke beträgt circa 200 Millionen Exemplare. Die deutschsprachige Gesamtauflage seiner im wilden Westen Nordamerikas und im Orient des 19. Jahrhunderts spielenden Abenteuererzählungen überschreitet die 100 Millionen. Übersetzungen liegen in fast 50 Sprachen vor.

 

1893 kamen die ersten drei Winnetou-Bände ("Der Rote Gentleman") heraus. Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner schloss ihren Nachruf mit dem Satz: “In dieser Seele lodert das Feuer der Güte.”

 

Am 1. Dezember 1928 öffnete - 16 Jahre nach dem Tod des Romanschriftstellers - in Karl Mays Villa Shatterhand in der Karl-May-Straße das bei Dresden gelegene Karl-May-Museum Radebeul. KMF

Karl May als Old Shatterhand, Bild aus der Kostümfotoreihe. Aufnahme laut "Karl May und seine Zeit" von Max Welte, "vermutlich in den ersten Apriltagen 1896".

Buchdeckel der klassischen Ausgaben (ab 1893) der Bände Winnetou I bis III von Karl May.

Lesen Sie die Rezension des Fachbuchs "Figurenwelten nach Karl May" von Malte Ristau/Wolfgang Willmann aus der Feder von COMICOSKOP-Redakteur Hanspeter Reiter HIER!

Comicoskop-Lesetipp:

Michael Petzel (Hg.): Karl-May-Filmbildgeschichten. Bamberg: Karl May Verlag 2015

Beschreibung:Die Karl-May-Filme der 1960er-Jahre zählen zu den großen Kultserien des deutschen Kinos. An den Abenteuern des edlen Häuptlings Winnetou und seines Blutsbruders Old Shatterhand begeisterten sich Generationen von Jugendlichen. Zur Erfolgsgeschichte der Filme trug auch ihre umfassende Vermarktung bei, wie sie in diesem Ausmaß zum ersten Mal in Deutschland praktiziert wurde. In den Jahren 1962 bis 1974 veröffentlichten die großen Publikumszeit-schriften "Bild und Funk" und "Bunte Illustrierte"

 

Cover: (c) Karl May-Verlag Bamberg

 

die Filmgeschichten als sorgfältig gestaltete Sammelserien und erzielten damit beträchtliche Auflagensteigerungen. Diese Serien gehören seit Jahren zu den gesuchten Sammelobjekten vieler Film- und Karl-May-Fans. In der vorliegenden Sonderedition erscheinen die Fotoromane zum ersten Mal komplett, in bestechender Druckqualität und im beindruckenden Großformat! Erschienen im Bamberger Karl May-Verlag 2015, Kostenpunkt: Stolze 99 Euro...  KMF

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